[slideshow=1,580,435]
Fünf Photographien von Hughes Leglise-Bataille.
[slideshow=1,580,435]
Fünf Photographien von Hughes Leglise-Bataille.
Dialog im Morgengrauen:
»Ich finde der Text ist äußerst unklar. Zumindest wird er gegen Ende immer unklarer.«
»Nee, das faszinierende an diesem Text ist doch, dass man bei wiederholtem Lesen immer mehr finden kann. Auf den ersten Blick ließt er sich wie ein Zeitschriftenartikel; bei genauerem Blick hat dieser Text aber in eine Tiefe, die schon fast beängstigend ist.«
»Hm, wenn der Text so weit in die Tiefe geht, wie sieht das da dann aus? – Ich war da noch nie; wird es da unten dann ganz Dunkel oder wie muss ich mir das vorstellen?«
—
Sich verselbstständigende Metaphern … Man kann sie nicht nur in der Alltagssprache finden. So ist es beispielsweise befremdlich, wie unpassend die Metapher des Hirten für den Priester ist – zumal, wenn er ein Vogel ist.
post scriptum
Im Dialog ging es um Kants »Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung.«
Man lacht, und man denkt, und man weint. Weil die wahrste Wahrheit immer scherzhaft und schmerzhaft sein muss.
Walter Rothschild über Dani Levys aktuellen Film in der taz.
»Nichtsein« nenne ich den Anfang von Himmel und Erde.
»Sein« nenne ich die Mutter der Einzelwesen.
Lao-Tse (via steffino)
… schön, das mal in diese Richtung zu lesen …
Es ist also nochmals ein Video aufgetaucht, hat heute morgen der Nachrichtensprecher von Deutschlandfunk erzählt. Ein Video? Noch eins? Und was für eins? – Naja, von Saddam eben. Diesmal sieht man ihn als Leiche (oder sagt man »seine Leiche«?). Es war natürlich nur eine sehr kurze Frage der Zeit, bis auch das wieder zu sehen war. Ich hab’s nicht gesehen, aber »Politically Incorrect« zeigt es, sagen sie. Ich frage mich jetzt, ob sie das Video ihres Namens oder der Klicks wegen zeigen … aber diese Diskussion gab gibt es an anderer Stelle ohnehin schon.
Video hin, Video her. — Uninteressant. Denn erstens interessieren mich die Videos nicht, zweitens will ich sie nicht sehen und drittens … Doch da ist noch was, was meine Neugier weckt — nicht an den Videos, sondern ihrer Rezeption:
»Alle Gerüchte, dass Saddam nach dem Ende des offiziellen Staatsvideos den Strick abnahm und mit seinen Henkerschauspielern Kaffee trinken ging, sind mit dem Handyfilm hinfällig.« — schreibt schrieb der D-Funk. Aber war da nicht mal was mit Doppelgängern? Nicht erst seit 2002 oder 2003, sondern schon lange davor. So lange her, dass man im Netz noch gar nichts ‘zu findet.
Als Bush sen. damals anno 90/91 gen Irak zog, um Kuwait zu befreien und ich als Bengel fasziniert den ersten für’s Fernsehen aufbereiteten Krieg konsumierte, diskutierten die einen über die beste Kriegsstrategie bei Stammtisch und Familientreffen, die anderen vor allem über die große Zahl der Doubles, die Saddam gehabt haben soll.
Wer weiß, vielleicht ist es ja gar nicht Saddam gewesen, der da hing, der da vor Gericht stand, der da in dem Erdloch saß. — Unwahrscheinlich ist es wohl, aber trotzdem sollte man sie vielleicht einmal erwähnen, diese Doubles, denn irgendwo müssten sie ja eigentlich noch sein, oder? — Und für alle, die’s nicht glauben wollen: Die Existenz von solchen Doubles konnte man sogar beweisen.
Ja, die Goldene Regel. Wenn wir alle so und danach lebten, dann … vielleicht wäre dann ja wirklich alles besser. Und dabei ist sie doch schon so alt. Hin und wieder wurde sie ergänzt und was bleibt ist ein goldenes Mischmasch, das wir den Kindern im Religions- oder Ethikunterricht vermitteln – auf das sie alle gute Menschen werden. (Dabei sollte doch bekannt sein, dass die zehn Gebote ein ganz schlechtes Verhältnis zu Gold haben. Wie war das noch gleich, als Moses vom Berg kam, mit diesem Kalb, das ihn erzürnte und er gleich nochmal los musste, um die zweite Ausgabe der Steintafeln holen …)
Auch Ede Wolf Stoiber hat seine Lektion im Religionsunterricht gelernt und sagt gleich frohen Mutes, dass die Nächstenliebe sein wichtigstes Gebot der zehn sei. Es ist nur eine am Rande störende Feinheit, dass die Nächstenliebe gar nicht Teil der zehn Gebote ist, wenn der als Wolf verkannte sich endlich als Schaf zu erkennen gibt. Vielleicht ja auch, weil der in den eigenen Reihen zur Zeit so ungeliebte Ministerpräsident mit seinem Bekenntnis zur Nächstenliebe sich wohl auch ein bisschen Liebe seiner Nächsten für sich selbst erhofft.
Doch die Frevler schreiten noch viel weiter. … weiter »
Vorgestern hatte ich in Second Life ein faszinierendes und gleichzeitig verstörendes Erlebnis: Ich habe zum ersten Mal in einem virtuellen Club als DJ aufgelegt. – Ein paar Gedanken über die Grenzverschiebungen zwischen »Echt« und »Unecht«, von denen ich nicht weiß, ob ich sie lieben oder fürchten soll.
Vorgestern habe ich also in diesem Club aufgelegt. Der Zufall will es, dass auch vorgestern die Zeit über Second Life geschrieben hat. Heute schreibt die Berliner Zeitung (Leider nicht mehr online verfügbar), vor ein paar Wochen der Spiegel und hier im Netz ist ohnehin alles voller zweitem Leben. Ohne gleich eine Debatte über die Qualität des deutschen Qualitätsjournalismus eröffnen zu wollen, ist die Ähnlichkeit der fraglichen Artikel schon beachtenswert. Das Unerhörte und deshalb Erwähnenswerte ist für diese Zeitungsartikel, dass man mit Second Life Geld verdienen kann. Die Zeit steckte ihren Artikel auch gleich passend in den Wirtschaftsteil und stellt die finanziell erfolgreiche Anshe Chung in der Weise vor, wie sonst neue Unternehmensspitzen vorgestellt werden. – Die Berliner Zeitung packt ihren Artikel dagegen ins Feuilleton und verspricht Interessantes: »Nirgends werden die Möglichkeiten und Probleme des Internets deutlicher als bei Second Life«. Tatsächlich verspricht der Artikel viel und hält nichts davon, denn … weiter »
In der Welt rund um das Kino herum gibt es ein paar Running Gags. Einer ist die Frage, ob Martin Scorsese nun endlich den Oscar bekommt. Morgen läuft sein läuft sein neuer Film an. Departed – unter Feinden ist ein Remake des HongKong-Thrillers Infernal Affairs.
[audio:/wp-content/uploads/2006/departed_lang_lo.mp3]Es ist eine Feinheit, dass Gott griechisch lernte, als er Schriftsteller werden wollte – und dass er es nicht besser lernte.
Friedrich Nietzsche
Eigenartiger Tag. Monolog. Eigentlich waren es schon einige eigenartige Tage. Über Nacht kam der Winter und er kam so plötzlich, wie der Sommer kurz vor der WM. Mittwoch Morgen war es, als draußen der erste Winterwind durch die Straßen zog. Den Kopf zwischen die Schultern gezogen, früh morgens.
Heute liegt Schnee auf den Dächern. Und auch wenn er nicht lange liegen bleibt, auch wenn es vielleicht nächste Woche schon wieder Herbst und nicht mehr Winter ist, der Moment ist der des Winters. Am kalten Fenster und neben der warmen Heizung zu sitzen, am Schreibtisch aus dem Fenster gucken. Nicht mehr zu gucken, ob der Himmel noch da ist, sondern verloren die nackten Bäume und den Schnee, dahinter, auf den Dächern zu sehen. Vielleicht eine Tasse Kaffee oder doch eine Kanne Tee?
Wenn Kino zur Fiktion geworden ist, die uns die Realität bestätigt, denke ich mir, dann ist es jetzt Zeit geworden, einmal wieder Kino zu machen. Nicht aber einen Film zu drehen, nein, stattdessen die richtige Klangtapete zu suchen, dem Moment die klangliche Untermalung zu geben, die ihm gerecht wird, die er sich verdient hat.
Fast zufällig ist der Blick auf Consoles letztes Album »Mono« gefallen, beiläufig, im Vorübergehen, auf dem Weg in die Küche. Ein Album, das gelobt wurde. Mir war es zu ruhig, zu fern. Intim sagten sie. Und ich denke mir heute, dass »Mono« wenigstens in Gedanken mit »log« ergänzt werden sollte. Monolog ist der Moment. Der Film: Moment der Intimität? Moment, den man nicht teilen möchte? Vielleicht, weil er zu bescheiden ist, zu wenig prachtvoll und zu wenig pointiert, zu wenig abgeschlossen und auch zu still, um tauglich zu sein, für’s Kino. Dennoch eine Fiktion, die die Realität bestätigt, denke ich und frage mich zugleich: Wie beschreibt man ein solches Album? Ist ein Lied wie »Hibernating« nicht sehr nah am Sound von Boards of Canada? Und wie weit ist es von »Formicula« zu Dictaphone? Und »Starpower«, ja, es ist unglaublich, aber da ist tatsächlich der Sound von Bowery Electric. Und …
Die Sonne scheint. Wintersonne. Intim sagten sie. Und ich frage mich, was ist das für ein Moment, den man nicht teilen möchte, weil er zu klein ist, zu klein selbst für den vielbeschworenen gegenwärtig neuen deutschen Film, der sich doch endlich auf den Alltag beschränkt und dadurch gewinnt? Vielleicht wird es ihn einmal geben, den Film, der sich auf einen Morgen beschränkt, auf einen Moment, flüchtig und ohne Bedeutung; wenn es einmal Film geben sollte, der so flüchtig ist, wie das Licht, das ihn auf die Leinwand wirft, dann, erst dann werde ich solche Alben vielleicht nicht mehr brauchen. Solange das aber nicht passiert, bleibt der Schnee auf dem Dach, der Wind in den Straßen, die Wintersonne ohne Wärme dafür mit Licht am Himmel, und solange höre ich »Hibernating«, wenn der Winter plötzlich da ist und es Morgen ist und nicht Tag und wenn ich den eigenen kleinen Film, die kleine Fiktion suche, die die Realität ihrer Bedeutung beraubt.
Ende des Monologs. — Es beginnt wieder zu schneien.
Das Leben ist doch eh super.
Oliver Welter von (naked launch)
Es wäre uns lieber, wir hätten unseren Nachbarn, den Würstchenbudenbesitzer im Ruhestand, nie gekannt, als zu erfahren, dass er gerade die größte Dichtung seiner Zeit hervorgebracht hat.
V. Nabokov: Lolita.
Gestern Abend: Glauben tun wir alle, die einen an das eine, die anderen ans andere, so scheint’s zumindest, scheint es mir.
Gestern Abend also über Glauben … Haben wir diskutiert? Nein, diskutiert haben wir nicht, vielmehr uns gegenseitig unserer Sympathie versichert. Weichspülgang, sich beweihräuchern und in der Gruppe gegenseitig selbst bestätigen. Kontrastprogramm, nicht nur zu Richard Dawkins Versuchen (gefunden via philoblog und mario sixtus) in zwei 45minütern im Fernsehen zu zeigen, was schon zu viele versucht haben. Er wollte in „The Root of All Evil?“ (hier erster Teil, zweiter Teil Leider sind die beiden Folgen auf video.google.com und youtube.com nicht mehr vorhanden.) zeigen, weshalb der Glaube nicht gut, vielleicht besser: dumm ist. Etwas dümmlich, fast naiv erschien mir aber vor allem seine Argumentation. Weshalb?
So gehen die Menschen dahin; sie haben wirklich ihre liebe Mühe damit, zu tun, was man von ihnen verlangt: In der Jugend ein Schmetterling sein, am Ende eine Made.
L.-F. Céline: Reise ans Ende der Nacht.
Der Papst ist in der Stadt. Oder vielmehr: Er kommt heute in die Stadt. Vielleicht ist er schon gelandet, vielleicht als Vogel noch in der Luft, – wohin ihn ja auch der Glaube trägt. Zumindest hat das der Hirte der Hirten, als er nur ein Hirte mit weniger Hirten unter sich war … Als er noch Joseph Ratzinger und Kardinal und fehlbar war, da sagte er in einem Fernsehinterview, der Glaube gäbe ihm das Gefühl ein Vöglein zu sein. »Hoch hinaus, in die Lüfte« sagte er. In der Luft ist er wohl noch. Bald wird er landen, dann nicht mehr als Vogel, sondern als Hirte.
Soll man den Hirten wörtlich oder als Metapher nehmen? Jedenfalls frage ich mich, ob es eigentlich Hirten auf dem Land gibt, die sich organisieren und Hierarchien bilden? Und ich frage mich, ob Schäflein nicht durcheinander kommen, wenn plötzlich so viele Hirten vorhanden sind, die sie behüten wollen?
Wie auch immer — vielleicht ist der Oberhirte schon gelandet. Vielleicht ist der Verkehr schon zum Erliegen gekommen, weil die Schäflein über die Straße müssen. Alles ganz wie auf dem Land. Wenn wir schon bei Schafen sind, ist es auch nicht mehr so weit zum Wolf im Schafspelz, denn unter den Schafen, da könnte auch immer ein Wolf sein. Vielleicht gar einer, der Kreide gefressen hat. Und auch für den Hirten gibt es eine Verwandlung: Dann, wenn der Hirte in seinem Mobil durch die Herde fährt und alle Schäflein ganz durcheinander bringt, dann verfehlt der Hirte nicht nur seine Aufgabe, die Herde zu leiten, sondern er ist dann auch wieder zum Vogel geworden. Diesmal nicht hoch hinaus, in die Lüfte, sondern eher im Käfig:
Ein zartes Vöglein will beschützt sein.
Und manchmal, manchmal muss anscheinend auch die Stadt vor den Schafen und ihren Hirten beschützt werden. Zumindest lässt das die Bekanntgabe der Bayerischen Staatsbibliothek vermuten:
»Am Samstag, den 9. September 2006 muß die Bibliothek wegen des Papstbesuches aus Sicherheitsgründen ganztägig geschlossen bleiben.«
—
post scriptum
Nett, daß eine alte und ehrwürdige Institution, wie die Bayerische Staatsbibliothek trotz aller staatlichen Weisung einfach bei der alten Rechtschreibung bleibt. Zumindest schreiben sie »muß«, wie ich hier »daß« geschrieben habe. — Vielleicht eine Form ziviler Ungehorsamkeit?
Wenn auf einer Abschlussfeier eines Studienjahrgangs Menschen, die nicht älter sind als ich, Menschen, die sogar eher noch jünger sind als ich … – Wenn junge Menschen zu Musik feiern, saufen, ausrasten und schließlich, als das Lied aus ist auch kotzen … – Wenn junge Menschen, Bekannte von mir zu Musik feiern, die ich aus meiner Kindheit, aus der Plattensammlung meines Vaters kenne, dann macht mich das traurig. Nicht, dass „Oldies“ schlecht wären. Wer bin ich das zu sagen. Nur die Rat- und Phantasielosigkeit, die hinter dieser Musikwahl steht, erschreckt mich. Meine Eltern sprechen immer von der Musik ihrer Jugend. Für mich ist diese Musik die Musik meiner Eltern und wahrscheinlich mag ich sie deswegen so gerne. Nur, was werden all diese Menschen ihren Kindern erzählen, von der Musik ihrer Jugend? Was hätte ich als kleines Kind gedacht, wenn meine Eltern die gleiche Musik als die Musik ihrer Jugend bezeichnet hätten, wie meine Großeltern?
Als alle betrunken sind und noch mehr trinken wollen, fällt der Blick auf den einzigen, der den ganzen Abend nur Wasser getrunken hat: Ob ich noch fahren kann? Also steige ich in dieses Auto, das der Junge von seinen Eltern zum Studienabschluss bekommen hat. Ganz neu ist es und riecht auch so. Er macht sich sorgen, ob ich Autofahren kann. Ich mache mir sorgen, ob ich vielleicht so fahre, dass er in sein schönes Auto kotzt. Jedenfalls schaltet sich das Radio ein und da steht der Name eines Senders, der mir nicht gefällt. Dass er mir nicht gefällt, tut nichts zu Sache. Interessanter ist, dass dieser Sender seine Zielgruppe mit 45+ angibt. Ist ein mit wohlhabenden Eltern versorgter Jugendlicher alternativ, wenn er diesen Radiosender hört? Vielleicht aber besonders reif, seinem Alter einfach voraus? Wahrscheinlich eher letzteres.
Über den Film Tarnation …
Nun, um eine lange Geschichte kurz zu machen: Verstört bin ich gerade nach Hause gekommen. Tarnation war das krasseste Kinoerlebnis, das ich in den vergangenen Jahren hatte. In einem Satz müsste man wohl sagen: Ein Dokumentarfilm gedreht (oder geschnitten) in Video-Clip-Ästhetik. Auch wenn es so was in der Kinogeschichte bisher wohl noch nicht gegeben hat, bringt dieser eine Satz “Tarnation” doch noch in keinster Weise auf den Punkt.
Also wird die Geschichte doch länger: weiter »
Zathura möchte ein spannendes Weltraumabenteuer sein, für die ganze Familie. Die Geschichte ist einfach gestrickt: Zwei Brüder, die sich bei jeder Gelegenheit streiten, eine ältere Schwester, die für den ganzen Kinderkram irgendwie schon zu alt ist und ein Vater, der viel um die Ohren hat. Eines Nachmittags entdeckt Walter der süße der beiden Brüder in dem alten Haus des Vaters ein Spiel namens Zathura. Nachdem Walter alleine zu spielen begonnen hat, finden sich die beiden Brüder mitsammt ihrer schockgefrosteteten Schwester im Weltraum wieder. Das Abenteuer kann beginnen. Erst fliegt das Haus, das zu ihrem Raumschiff geworden ist, durch ein Meteoritenfeld, dann stoßen sie auf einen Astronauten, der ihnen im Kampf gegen die blutrünstigen Zorgonen hilft.
Der Opern-, Theater und Filmregisseur Patrice Chereau dürfte den meisten durch seinen Film Intimacy in Erinnerung geblieben sein. Sein neuer Film Gabrielle – Liebe meines Lebens greift wieder das Thema der Liebe auf. Diesmal allerdings in einer denkbar anderen Spielart als in Intimacy.
Der Film Gabrielle – Liebe meines Lebens erzählt nach einer Vorlage Joseph Conrads die Geschichte einer scheiternden Ehe der Pariser Bourgeoisie im Jahre 1912. Gabrielle (Isabelle Huppert) und Jean (Pascal Gregory) sind seit zehn Jahren verheiratet. Glücklich verheiratet, sagt Jean. Jean ist auf der Höhe seines Lebens. Gabrielle füllt mit ihrem Charme die ihr zugedachte Rolle als Hausdame aufs Beste.
Jean ist stolz auf seine Frau. Er spricht von ihr, wie ein Sammler über das beste Stück seiner Sammlung. Dass seine Ehe kein Intimleben hat, stört ihn nicht weiter. Er hat sich daran gewöhnt. Jean hat sich so sehr an diese Ehe gewöhnt, dass ihm der Blick hinter die makellose Fassade erst wieder möglich ist, als er einen Abschiedsbrief Gabrielles findet. Sie hat ihn verlassen, sie sucht Liebe. Liebe, die sie bei Jean nicht finden kann. Und doch schafft es Gabrielle nicht ihr großbürgerliches Gefängnis zu verlassen, sie kommt wieder zurück.
Alles ist erleuchtet. Es gibt das Buch Jonathan Safran Foers und es gibt (jetzt) auch den Film. Und wie so immer bei Verfilmungen von Klassikern oder Bestsellern, stellt sich die Frage, wie gut die Umsetzung der mächtigen Vorlage gelungen ist. Wenn man den Roman Alles ist erleuchtet aber nicht gelesen hat, bleibt einem nur, den Film als Film zu betrachten, die Verfilmung so zu betrachten, als ob es den Roman nicht gäbe.
weiter »
Winterkinder – die schweigende Generation. Ein Film, der an und mit der Erinnerung arbeitet. Wer war Opa? Diese Frage stellt sich Regisseur Jens Schanze. Sein Großvater ist früh gestorben, er hat ihn nicht kennengelernt. Die einzige, die ihn wirklich gekannt hat, ist seine Mutter. Aber sie spricht nicht über ihn.
»Ich möchte gern einen Film machen über unsere Familie und Deinen Vater und unsere Erinnerung an ihn und ich wollte fragen, ob Du da mitmachen möchtest?«
»Ja, soweit meine Erinnerung das zulässt, mach’ ich da mit.«
»Als Andrea das erste Mal nach seiner Tätigkeit zur Zeit des Nationalsozialismus gefragt hat, wie habt ihr da reagiert?«
»Ich hab’ gar nicht reagiert, weil ich das nicht wollte.«
Die schweigende Generation. Jens Schanze fragt weiter. Und immer wieder öffnet sich ein kleiner Riss in der Erinnerung der Mutter, immer wieder bricht die glatte Oberfläche der Kindheitserinnerung, der Erinnerung an Ihren Vater auf. Kaum wächst der Verdacht, dass Jens Schanze Schritt für Schritt jeden Fehler in der Erinnerung seiner Mutter nachweist, wird die Kamera sanfter.
In Winterkinder geht es um die Erinnerung an Großvater und seine gesellschaftliche Rolle im Nationalsozialismus. Und doch ist Winterkinder nicht nur ein weiterer Film, der sich mit der deutschen Geschichte beschäftigt. Winterkinder ist vor allem ein Film über das Erinnern.
Winterkinder. Der Film beginnt im Winter. Unter dem Schneemantel verliert die Landschaft ihre harten, detailreichen Konturen. Ähnlich ist es mit der Zeit, sie hat sich über die Erinnerung an Großvater gelegt. Wenn es wärmer wird schmilzt der Schnee und die verdeckten Details erscheinen wieder. Der Film endet im Sommer. Der Mantel, den die Zeit über die Erinnerung gelegt hat ist (nun) geschmolzen.
Am Schluss, als der Film eigentlich zu Ende ist, arbeitet Jens Schanze zum ersten Mal mit Musik. Musik Erik Saties. Es bleibt ein ruhiger Moment, ein Moment der Stille und des Fragens – vielleicht auch nach der eigenen Erinnerung.
D 2005. R,B,S,P: Jens Schanze. K: Börres Weiffenbach. M: Erik Satie. Tiberius. 99 Min.
Heute Mittag, zwischen Rotkreuzplatz und Sendlinger Tor, in einem Wagen der Linie U1 saß ich an einem Fensterplatz, bei dem der kleine Mülleimer nicht mehr vorhanden war. (Mir ist der fehlende Mülleimer nur aufgefallen, weil ich mir mein Knie im Normalfall mindestens einmal pro Fahrt an dem kleinen eckigen Metallbehälter stoße.) Gegenüber saßen zwei Straßenkehrer auf dem Weg zu einer Betriebsversammlung. Sie sollen in Zukunft länger arbeiten, obwohl sie doch schon jetzt, während der kalten Jahreszeit draußen im Dunklen unterwegs sind. Eine Stunde pro Woche mehr, was ist das schon, könnte man fragen. Man könnte aber auch sagen: Jedes Jahr eine Stunde mehr macht in zehn Jahren zehn Stunden mehr.
Während ich den beiden in ihrer neonorangefarbenen Kleidung lauschte, fuhr der Zug in den Bahnhof am Sendlinger Tor ein. Gerade als ich aufgestanden war, wollte der eine der beiden Straßenkehrer das Papier wegwerfen, in das sein Brot eingepackt war. »Wieso ist denn hier kein Mülleimer mehr?« »Die schrauben jetzt alle Mülleimer aus den U-Bahnen raus, wegen der WM.« Und tatsächlich, was mir zuvor nur beiläufig aufgefallen war entpuppte sich als ‘von oben angeordnete Veränderung’. Auch im Nebenabteil, ja, im ganzen Wagen waren die Mülleimer abgeschraubt.
Mir blieb keine Zeit darüber nachzudenken. Ich hetzte die Treppe hoch, schnell zum anderen Bahnsteig, hineinin die U3. Und der Zug fährt los. Hier, in diesem Wagen waren sie noch, die Mülleimer. Dieser Zug ist ganz offensichtlich noch nicht WM-tauglich. Mülleimer: Das zu Hause der Ausscheidungen unserer Gesellschaft, auch des Terrorismus. Muss ich Angst haben, vor den Mülleimern? Ist dieser Zug weniger sicher als der WM-taugliche?
»Der Terror trift auch uns« titelt die heutige ZEIT. Sie bezieht sich auf die Entführung, und ich beziehe mich auf Mülleimer. Bei wem fährt die Angst mit? Die Angst vor ‘irgendwie eigenartigen’ Rucksäcken, vor einem Menschen, der nicht dick ist, in seinem langen Mantel aber dick aussieht und auch die Angst vor den kleinen eckigen Mülleimern, an den man sich das Knie stößt? Bei wem fährt diese Angst mit, zumindest manchmal, für einen Augenblick?
»Frankreich, große Nation, wieso stehst Du in Flammen?« fragte der Leser des Feuilletons und suchte sofort nach Erklärungen. In der heutigen Ausgabe der Süddeutschen fand er einen haarsträubenden Kommentar ((Haarsträubend finde ich den Kommentar eigentlich nur deswegen, weil er die politische Realität in Frankreich vollkommen verfehlt. Sarkozy als “Chiracs Innenminister” zu bezeichnen, den Chirac fallen lassen könnte, ist ungefähr so, als ob man Koch als Parteifreund Merkels bezeichnete, den diese einfach fallen lassen könnte …)) , der die Welt wieder ins Lot bringt. Wenn der gute Leser auch seine Ohren benutzen würde, hätte er heute morgen im Deutschlandfunk eine Reportage hören können, die dem Hass eine Stimme gab.
»Sag’ mal, wie findest Du das, was in Frankreich abgeht?« fragte der Freund. Auch er suchte Erklärungen, doch er wusste auch, dass es keine gibt. Frankreich, das Land mit den meisten Touristen weltweit. Frankreich, Land der verspielten Balkongeländer, der Haute-Couture, der Baguettes und der Sonne im Süden, des Cidres und Calvados im Norden. Reims weckt das Bild einer gotischen Kathedrale und vielleicht des Champagners. Aber brennende Autos? – Schon aufgefallen, welche Hautfarbe die Menschen in diesem Bild von Frankreich haben? Und wo sind in diesem idealisierten Bild die Betonwüsten, die der Tourist nur zu Gesicht bekommt, während er auf dem Weg von der Autobahn in die Innenstädte ist?
Viele, die in Frankreich gewohnt haben, kamen zurück und erzählten von einem anderen Frankreich. Sie erzählten davon, dass die französische Sprache eine harte sei (und in keinster Weise “ein irgendwie schwul klingender Singsang”). Sie erzählten von Begegnungen mit der Angst auf der Straße, auch das.
Später als geplant, früher als ich es in den letzten Wochen für möglich hielt, ist hinterwelt.net endlich online. Innerhalb der nächsten zwei Wochen werden die ersten Inhalte (about / etc.) hinzu kommen.
Noch ein klein wenig Geduld braucht es also, bis wirklich die ersten (eigentlichen) Einträge auf dieser Seite zu finden sein werden.
Bis dahin wünsche ich Euch viel Surfvergnügen.