Hinterwelt.net

3. November 2006
Alltag

Eigenartiger Tag. Monolog. Eigentlich waren es schon einige eigenartige Tage. Über Nacht kam der Winter und er kam so plötzlich, wie der Sommer kurz vor der WM. Mittwoch Morgen war es, als draußen der erste Winterwind durch die Straßen zog. Den Kopf zwischen die Schultern gezogen, früh morgens.

Heute liegt Schnee auf den Dächern. Und auch wenn er nicht lange liegen bleibt, auch wenn es vielleicht nächste Woche schon wieder Herbst und nicht mehr Winter ist, der Moment ist der des Winters. Am kalten Fenster und neben der warmen Heizung zu sitzen, am Schreibtisch aus dem Fenster gucken. Nicht mehr zu gucken, ob der Himmel noch da ist, sondern verloren die nackten Bäume und den Schnee, dahinter, auf den Dächern zu sehen. Vielleicht eine Tasse Kaffee oder doch eine Kanne Tee?

Wenn Kino zur Fiktion geworden ist, die uns die Realität bestätigt, denke ich mir, dann ist es jetzt Zeit geworden, einmal wieder Kino zu machen. Nicht aber einen Film zu drehen, nein, stattdessen die richtige Klangtapete zu suchen, dem Moment die klangliche Untermalung zu geben, die ihm gerecht wird, die er sich verdient hat.

Mono

Fast zufällig ist der Blick auf Consoles letztes Album »Mono« gefallen, beiläufig, im Vorübergehen, auf dem Weg in die Küche. Ein Album, das gelobt wurde. Mir war es zu ruhig, zu fern. Intim sagten sie. Und ich denke mir heute, dass »Mono« wenigstens in Gedanken mit »log« ergänzt werden sollte. Monolog ist der Moment. Der Film: Moment der Intimität? Moment, den man nicht teilen möchte? Vielleicht, weil er zu bescheiden ist, zu wenig prachtvoll und zu wenig pointiert, zu wenig abgeschlossen und auch zu still, um tauglich zu sein, für’s Kino. Dennoch eine Fiktion, die die Realität bestätigt, denke ich und frage mich zugleich: Wie beschreibt man ein solches Album? Ist ein Lied wie »Hibernating« nicht sehr nah am Sound von Boards of Canada? Und wie weit ist es von »Formicula« zu Dictaphone? Und »Starpower«, ja, es ist unglaublich, aber da ist tatsächlich der Sound von Bowery Electric. Und …

Die Sonne scheint. Wintersonne. Intim sagten sie. Und ich frage mich, was ist das für ein Moment, den man nicht teilen möchte, weil er zu klein ist, zu klein selbst für den vielbeschworenen gegenwärtig neuen deutschen Film, der sich doch endlich auf den Alltag beschränkt und dadurch gewinnt? Vielleicht wird es ihn einmal geben, den Film, der sich auf einen Morgen beschränkt, auf einen Moment, flüchtig und ohne Bedeutung; wenn es einmal Film geben sollte, der so flüchtig ist, wie das Licht, das ihn auf die Leinwand wirft, dann, erst dann werde ich solche Alben vielleicht nicht mehr brauchen. Solange das aber nicht passiert, bleibt der Schnee auf dem Dach, der Wind in den Straßen, die Wintersonne ohne Wärme dafür mit Licht am Himmel, und solange höre ich »Hibernating«, wenn der Winter plötzlich da ist und es Morgen ist und nicht Tag und wenn ich den eigenen kleinen Film, die kleine Fiktion suche, die die Realität ihrer Bedeutung beraubt.

Ende des Monologs. — Es beginnt wieder zu schneien.

1. September 2006
Alltag

Wenn auf einer Abschlussfeier eines Studienjahrgangs Menschen, die nicht älter sind als ich, Menschen, die sogar eher noch jünger sind als ich … – Wenn junge Menschen zu Musik feiern, saufen, ausrasten und schließlich, als das Lied aus ist auch kotzen … – Wenn junge Menschen, Bekannte von mir zu Musik feiern, die ich aus meiner Kindheit, aus der Plattensammlung meines Vaters kenne, dann macht mich das traurig. Nicht, dass „Oldies“ schlecht wären. Wer bin ich das zu sagen. Nur die Rat- und Phantasielosigkeit, die hinter dieser Musikwahl steht, erschreckt mich. Meine Eltern sprechen immer von der Musik ihrer Jugend. Für mich ist diese Musik die Musik meiner Eltern und wahrscheinlich mag ich sie deswegen so gerne. Nur, was werden all diese Menschen ihren Kindern erzählen, von der Musik ihrer Jugend? Was hätte ich als kleines Kind gedacht, wenn meine Eltern die gleiche Musik als die Musik ihrer Jugend bezeichnet hätten, wie meine Großeltern?

Als alle betrunken sind und noch mehr trinken wollen, fällt der Blick auf den einzigen, der den ganzen Abend nur Wasser getrunken hat: Ob ich noch fahren kann? Also steige ich in dieses Auto, das der Junge von seinen Eltern zum Studienabschluss bekommen hat. Ganz neu ist es und riecht auch so. Er macht sich sorgen, ob ich Autofahren kann. Ich mache mir sorgen, ob ich vielleicht so fahre, dass er in sein schönes Auto kotzt. Jedenfalls schaltet sich das Radio ein und da steht der Name eines Senders, der mir nicht gefällt. Dass er mir nicht gefällt, tut nichts zu Sache. Interessanter ist, dass dieser Sender seine Zielgruppe mit 45+ angibt. Ist ein mit wohlhabenden Eltern versorgter Jugendlicher alternativ, wenn er diesen Radiosender hört? Vielleicht aber besonders reif, seinem Alter einfach voraus? Wahrscheinlich eher letzteres.

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