Hinterwelt.net

10. April 2008
Fiktion

Ein Gerät ist verschwunden, benutzt nicht mehr seine Steckdose sondern eine andere. Eine Steckdose, die fast fünf Jahre lang nicht benutzt wurde, gerätelos geblieben war. Sie lebt noch. Das beruhigt. Aber morgens, wenn die verschlafenen Augen die Uhrzeit suchen, ist das Gerät verschwunden. Das macht Unruhe. Nur kurz zwar, aber immerhin. Dann dreht sich der Schlafende, oder vielmehr: nicht mehr Schlafende auf die andere Seite, nicht um nochmal zu schlafen, einfach nur, um die Uhrzeit sehen zu können, die jetzt auf der anderen Seite des Betts steht. Weil es noch zu früh ist und es tatsächlich ein oder mehrere Vögel waren, die ihn geweckt haben, dreht er sich auf die andere Seite. Diesmal, um nochmal zu schlafen. Wenn dann der wieder Erwachende mit verschlafenen Augen die Uhrzeit sucht, ist sie verschwunden. Das macht Unruhe. Und, ja, auch diesmal nur kurz, aber immerhin schon zum zweiten Mal. Also dreht sich der nicht mehr Schlafende auf die andere Seite, weil er sich jetzt auch daran erinnert, dass die Uhrzeit auf der anderen Seite steht. Und während er sich auf die andere Seite dreht und sich überlegt, ob er nicht doch noch ein bisschen schlafen sollte oder auch nur könnte, da platzt ihm die Sonne samt Vogelgeplauder ins Gesicht. Und so bleibt er nach halber Drehung auf dem Rücken liegen, guckt in den Himmel und ist wach und bleibt das auch. Einfach so, ohne auf die Uhrzeit zu blicken.

Vier, fünf, vielleicht auch sechs Minuten später dreht er sich wieder auf die Seite, will dort nach der Uhrzeit sehen. Und lacht diesmal. Nicht laut. Aber ein Lachen ist es trotzdem. Und denkt: Alltag ändert sich, wenn er das im Kleinen tut.

23. Januar 2007
Fiktion

Wir fahren siebzig, den Altstadtring entlang, zur Isar, unter den Straßenlaternen, die beleuchtete Kirche vor uns liegend. Er sitzt vorne, ist über sechzig, hat mich nur beim Einsteigen kurz angesehen und fährt jetzt, mit dem Blick auf der Straße und den Gedanken irgendwo auf der Innenseite. Wie ich. Wir, er und ich, in einem neuen Benz. Er fährt ihn wie einen alten. Langsam in der Beschleunigung, hoch in der Endgeschwindigkeit gleiten wir über die Straßen, ihre Schwellen, unter den Straßenlaternen und den Ampeln der Kreuzungen hindurch. Nachtfahrt. Im Regen an der Isar entlang. Die kühle Fensterscheibe auf der Stirn. Ich bin betrunken, ein bisschen und will nicht nach Hause. »Können wir nochmal um den Altstadtring fahren?« Er nickt und biegt rechts ab, zum Goetheplatz.

Ein schöner Abend. Ein sehr schöner sogar. Sie ist schön, vielleicht deswegen. Warum sollte er sonst schön gewesen sein? Bier. Dann haben wir gegessen. Dann wieder Bier. Sie wollte einen Joint rauchen, ich nicht und wir haben einen Joint geraucht. Sie wollte tanzen gehen, ich nicht und wir sind tanzen gegangen. Sie wollte in die Registratur, ich nicht, ja, wir sind registrieren gegangen. Zwei Taxifahrten, sieben Bier und drei Joints später bin ich wieder im Taxi, wieder unterwegs, jetzt ohne sie. Sie wollte nach Hause, ich nicht. Sie ist gegangen, ich bin geblieben, habe noch ein Bier getrunken und mich erst dann in ein Taxi gesetzt. Der Geldbeutel war voll, jetzt ist er leer. Ich bin voll und fühle mich leer. Wir haben ein jämmerliches Bild abgegeben. Wie zwei Verliebte standen wir, ich mit dem Rücken zur Wand, sie vor mir, ein bisschen zu nahe. So standen wir, sahen uns an, prosteten uns zu, lächelten und manchmal lachten wir auch. Nur gesagt haben wir nichts. Klar, die Musik war eh zu laut. Stille. So ist das, wenn man sich nichts zu sagen hat, obwohl man sich ein Jahr lang nicht gesehen hat. Ein Verlegenheitsbier nach dem anderen. Und noch eins. Ein Falsches. Immerhin haben wir zusammen gelacht. Auch ohne Grund. Nach außen macht das keinen Unterschied. Ob gute Unterhaltung oder peinliches Verlegenheitslachen sieht aus der Entfernung gleich aus. Also haben wir gelacht und uns gut dabei gefühlt. Sie ist schön, wenn sie lacht. Ich nicht. Ich kann ein Lachen nicht vortäuschen, sonst wäre ich Schauspieler geworden, wie sie.

Hätte ich ein Mobiltelefon, dann würde es jetzt blinken oder in meiner Hose vibrieren. Sie hätte geschrieben: »Gute Nacht & Schöne Träume.« So sitzt sie zu Hause und denkt sich vielleicht: »Was für ein Scheißabend« und geht schlafen.

Der Mann von vorne: »Wir sind jetzt da. Ich bin dann doch nicht mehr um den Altstadtring gefahren. Sie sind eingeschlafen. - Das macht dann zwölf siebzig.«
Jetzt ist der Geldbeutel leer, das Konto auch und es ist noch nichtmal Mitte des Monats.
»Noch eine gute Nacht Ihnen.«
»Danke, Ihnen auch und erholen sie sich gut.«
Ich bin also fertig, steige aus, klopfe nochmal kurz aufs Dach, wie das Soldaten bei Panzern tun und gehe zur Haustür. Es regnet immer noch, der nasse Handrücken will nicht in die Hosentasche, dann habe ich den Schlüssel doch in der Hand und öffne die Türe, stiefel die Treppe nach oben und öffne die Wohnungstüre, schließe sie, gehe drei Schritte geradeaus, dann links, ins Bad, öffne den Gürtel, die Hosenknöpfe, ziehe die Hose nach unten, setzte mich auf die Klobrille, lasse den Schwanz in die Schüssel baumeln und schlafe ein.

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