Hinterwelt.net

21. November 2008
Angedacht

Wie beginnt und was bringt das 21. Jahrhundert? Die Frage steht im Raum - nicht erst seit dem Zusammenbruch eines ganzen Zweiges der Finanzindustrie. Die Frage steht im Raum seit sich um 1990 das Blocksystem in einer Hegemonie der sog. westlich geprägten Welt auflöste. Die eigenen Interessen oder Menschenrechte oder auch einfach nur der Weltfrieden wird durchgesetzt, wenn es gerade opportun erscheint. Über die Fragwürdigkeit militärischer Interventionen schrieb letzte Woche Helmut Schmid in überraschender Deutlichkeit.

Welchen Zynismus sich das weltpolitische Denken Europas bereits zu eigen gemacht hat, wird anhand der Schiffsentführungen deutlich. Menschen in einem Land, das seit Jahren in Bürgerkrieg versunken und vergessen ist, das nach den Empfehlungen des Auswärtigen Amtes einfach nicht zu bereisen ist, in das Kriegsberichterstatter keinen Fuß setzen, weil es dort noch nicht einmal eine Nachricht zu holen gibt. Was verdrängt wird, meldet sich erfahrungsgemäß wieder ___

Der Fall scheint klar, eine militärische Intervention geboten. Und doch ist ein Einschreiten nicht ohne Probleme möglich. Nicht weil in Europa plötzlich jemand Skrupel gegenüber militärischen Interventionen bekommen hätte. Das, zumindest ein Problem liegt anders:

under European human rights law, captured pirates cannot be turned over to states, including Somalia, where they might be tortured or face the death penalty. (economist)

Ist dieser Zynismus europäischer Weltpolitik noch zu überbieten?

29. September 2008
Angedacht

Es wird geprügelt, gestochen, gehauen. Niederlagen groß und klein geredet. Eigene Sympathien entstehen, vergehen. Aber immerhin: Es wird diskutiert. Codes werden bedient, Signalwörter gesendet. Bissig, scharf, eloquent. – Wissend, besorgt oder siegesbewusst. Nicht immer fair, aber immer im Rahmen, immer verbal. Abgesehen vom Kochschen Schuh und der hin und wieder aufs Podium klatschenden Hand, ja Faust vielleicht, bleibt dieser Streit körperlos. Die Haltung, der Eindruck, die Körpersprache sind von Bedeutung – aber auch da ist es die Sprache des Körpers und nicht sein Potential zur Gewalt. Diskussionskultur im Fernsehen.

Bis zum Übergriff, den es dann doch und meist unbemerkt gibt. Übergriff auf das Gegenüber, nur von Mann zu Mann gepflegt. Und immer sind es die Männer einer Partei, die übergriffig werden. Übergriffigkeit als Parteikultur? Ob Strauß, Stoiber, Söder oder gestern Abend Wilfried Scharnagl. Sie alle haben den Griff mit der breiten Hand auf den Unterarm des Anderen als Teil der eigenen Diskussionskultur: Markenzeichen der CSU? Was sagt diese Geste, die den Rahmen der Geste verlässt und den Anderen angreift? Nicht mehr verbal, sondern haarscharf an der Grenze zum nicht tolerierten physischen Übergriff. Ist es der Vater, der seinen Sohn angreift? Paternalismus als Geste zum Ausdruck gebracht? Ist das Angreifen des Anderen, das Eindringen in seinen Raum, das Grapschen geschult oder vorparteiliches Charaktermerkmal? Und gibt es noch andere Politiker, die den Übergriff pflegen?

26. August 2008
Angedacht

Und dann bin ich mir nicht sicher, wie weit man bei der ARD sogar ganz froh ist, dass es die BILD gibt. Schließlich muss man sich ja irgendwie von dem da draußen abheben können, um sich selbst Bedeutung zuschreiben zu können. Und natürlich freut man sich, dass BILDblog die BILD kontrolliert, tagtäglich zeigt, wie schlecht dieser Journalismus im Vergleich zur eigenen, gehaltvollen Weisheit ist.

Wahrscheinlich ist es erst vor dem Hintergrund dieser verschobenen Selbstwahrnehmung so bitter, wenn sich auch die ÖR der ätzenden Meinungsmache hingeben. Vor über einem Jahr gab es da den Fall Panorama (Stichwort: Killerspiele). Panorama: Eine Sendung, die ihrem Namen gerecht eher den Weit-, als den Tiefblick hat und trotzdem als investigativ gelten will.

Und jetzt gibt sich der report München die Blöße in einer Sendung, die gegen den Datenschutz wettert. Gleich welche Meinung man vertritt, Falschinformation bleibt eben Falschinformation … und ich bin immer wieder froh, dass es Leute gibt, die sich die Mühe machen, zu recherchieren.

26. Juni 2008
Angedacht

Und in diese Hundstage tritt dann ein Abend, der mit Pizza und Bier beginnt und vor dem Hintergrundrauschen der Fahnen endet, die uns zum wiederholten Male erzählen, dass wir wieder wer sind. Die Erzählung des missverstandenen Phoenix, der aus den Trümmern entspringt. Fußballwunder sagen, Wiederaufbau denken. Die Kontinuität, die Anknüpfung, die das ›Wieder‹ ist, verschweigen – im Wiederaufbau, wie im ›wieder wer sein‹. Still den Neuanfang verkaufen. Borcherts Bilder als Triumph des Menschlichen über das, was irgendwie Un- ist preisen. Fußballsommer 2008 als Wiederholung des Fußballwunders 2006. Wir sind wieder wer. Wiederholung als Mittel der Komödie. Wenn es doch nur so wie damals wär‘. – Unflätig, die Aneinanderreihung von Sätzen, so ganz zwanglos ohne Hintergedanken, von ganz alleine im Stricken der Fäden entstanden.

17. März 2007
Angedacht

Und nach den ruhigen letzten Wochen war da plötzlich wieder das Jucken in den Fingern. Ein Lesen, das um jeden Preis versucht gegen den Strich zu lesen, das den Text überwörtlich nimmt und die Assoziationsreihen im Kopf in Gang setzt. Jetzt beginnt das, was man als Geistesübung einer sophistischen Tradition begreifen kann und Korinthenkackerei nennt. Der Zwang, vielleicht die Not, in den Gedankengang des unbekannten Gegenübers hinein zu grätschen, ihm ins Wort zu fallen, im Nachhinein, unentwegt und mit dem Wunsch am Ende nicht das Wort im Mund, sondern den Gedanken im Kopf verdreht zu haben. Unsympathisch solche Züge, aber manchmal eben auch reizvoll, wenn sie denn plötzlich da ist, die Diskussionswut über einen Kommentar zum Klima und der Rezeption seines Wandels, in brandeins, von Wolf Lotter, gefunden über die Bissigen-Liberalen.

Es macht (fast) immer was her, sich in die Tradition der Aufklärung zu stellen. Und wenn Wolf Lotter beim Klimaproblem den »Verlust des Denkvermögens« diagnostiziert, scheint es sich bei der Diskussion des Klimawandels um eine Antiaufklärung zu handeln, da die Maxime der Aufklärung zumindest nach I. Kant nun mal das »Selbstdenken«[1] ist. Es macht immer was her, sich in eine Tradition zu stellen, sich große Fahnen an den Mast zu hängen und dann mit stolzgeschwelltem Bug über die Meere zu kreuzen. Nur ebenso verständlich ist’s hoffentlich auch, wenn ein eben solch aufgetakeltes Schiff am Horizont im Krähennest die Alarmglocke läuten lässt. Ja, hier hat jemand gedacht, wollte und hat auch radikal gedacht, nur Radikalität schützt vor Irrungen noch lange nicht. Herr Wolf, so möchte ich behaupten hat sich verirrt, nicht politisch und auch nicht moralisch, sondern rein argumentativ. Und da er mit Kant anscheinend nicht ganz unbekannt, stört’s ihn wohl hoffentlich auch nicht, wenn ich hier ein bisschen weiter aushole und seinen Gedankengang sezieren möchte.

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  1. vgl. I. Kant: »Was heißt: sich im Denken Orientieren?« S. 60. In: »Was ist Aufklärung?«, Hamburg: Meiner 1999. [zurück]
12. Januar 2007
Angedacht

Dialog im Morgengrauen:

»Ich finde der Text ist äußerst unklar. Zumindest wird er gegen Ende immer unklarer.«

»Nee, das faszinierende an diesem Text ist doch, dass man bei wiederholtem Lesen immer mehr finden kann. Auf den ersten Blick ließt er sich wie ein Zeitschriftenartikel; bei genauerem Blick hat dieser Text aber in eine Tiefe, die schon fast beängstigend ist.«

»Hm, wenn der Text so weit in die Tiefe geht, wie sieht das da dann aus? - Ich war da noch nie; wird es da unten dann ganz Dunkel oder wie muss ich mir das vorstellen?«

Sich verselbstständigende Metaphern … Man kann sie nicht nur in der Alltagssprache finden. So ist es beispielsweise befremdlich, wie unpassend die Metapher des Hirten für den Priester ist – zumal, wenn er ein Vogel ist.

post scriptum
Im Dialog ging es um Kants »Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung.«

8. Januar 2007
Angedacht

Ja, die Goldene Regel. Wenn wir alle so und danach lebten, dann … vielleicht wäre dann ja wirklich alles besser. Und dabei ist sie doch schon so alt. Hin und wieder wurde sie ergänzt und was bleibt ist ein goldenes Mischmasch, das wir den Kindern im Religions- oder Ethikunterricht vermitteln – auf das sie alle gute Menschen werden. (Dabei sollte doch bekannt sein, dass die zehn Gebote ein ganz schlechtes Verhältnis zu Gold haben. Wie war das noch gleich, als Moses vom Berg kam, mit diesem Kalb, das ihn erzürnte und er gleich nochmal los musste, um die zweite Ausgabe der Steintafeln holen …)

Auch Ede Wolf Stoiber hat seine Lektion im Religionsunterricht gelernt und sagt gleich frohen Mutes, dass die Nächstenliebe sein wichtigstes Gebot der zehn sei. Es ist nur eine am Rande störende Feinheit, dass die Nächstenliebe gar nicht Teil der zehn Gebote ist, wenn der als Wolf verkannte sich endlich als Schaf zu erkennen gibt. Vielleicht ja auch, weil der in den eigenen Reihen zur Zeit so ungeliebte Ministerpräsident mit seinem Bekenntnis zur Nächstenliebe sich wohl auch ein bisschen Liebe seiner Nächsten für sich selbst erhofft.

Doch die Frevler schreiten noch viel weiter. … weiter »

16. September 2006
Angedacht

Gestern Abend: Glauben tun wir alle, die einen an das eine, die anderen ans andere, so scheint’s zumindest, scheint es mir.
Gestern Abend also über Glauben … Haben wir diskutiert? Nein, diskutiert haben wir nicht, vielmehr uns gegenseitig unserer Sympathie versichert. Weichspülgang, sich beweihräuchern und in der Gruppe gegenseitig selbst bestätigen. Kontrastprogramm, nicht nur zu Richard Dawkins Versuchen (gefunden via philoblog und mario sixtus) in zwei 45minütern im Fernsehen zu zeigen, was schon zu viele versucht haben. Er wollte in „The Root of All Evil?“ (hier erster Teil, zweiter Teil Leider sind die beiden Folgen auf video.google.com und youtube.com nicht mehr vorhanden.) zeigen, weshalb der Glaube nicht gut, vielleicht besser: dumm ist. Etwas dümmlich, fast naiv erschien mir aber vor allem seine Argumentation. Weshalb?

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9. September 2006
Angedacht

Der Papst ist in der Stadt. Oder vielmehr: Er kommt heute in die Stadt. Vielleicht ist er schon gelandet, vielleicht als Vogel noch in der Luft, - wohin ihn ja auch der Glaube trägt. Zumindest hat das der Hirte der Hirten, als er nur ein Hirte mit weniger Hirten unter sich war … Als er noch Joseph Ratzinger und Kardinal und fehlbar war, da sagte er in einem Fernsehinterview, der Glaube gäbe ihm das Gefühl ein Vöglein zu sein. »Hoch hinaus, in die Lüfte« sagte er. In der Luft ist er wohl noch. Bald wird er landen, dann nicht mehr als Vogel, sondern als Hirte.

das ist der Hirte der HirtenSoll man den Hirten wörtlich oder als Metapher nehmen? Jedenfalls frage ich mich, ob es eigentlich Hirten auf dem Land gibt, die sich organisieren und Hierarchien bilden? Und ich frage mich, ob Schäflein nicht durcheinander kommen, wenn plötzlich so viele Hirten vorhanden sind, die sie behüten wollen?

Wie auch immer — vielleicht ist der Oberhirte schon gelandet. Vielleicht ist der Verkehr schon zum Erliegen gekommen, weil die Schäflein über die Straße müssen. Alles ganz wie auf dem Land. Wenn wir schon bei Schafen sind, ist es auch nicht mehr so weit zum Wolf im Schafspelz, denn unter den Schafen, da könnte auch immer ein Wolf sein. Vielleicht gar einer, der Kreide gefressen hat. Und auch für den Hirten gibt es eine Verwandlung: Dann, wenn der Hirte in seinem Mobil durch die Herde fährt und alle Schäflein ganz durcheinander bringt, dann verfehlt der Hirte nicht nur seine Aufgabe, die Herde zu leiten, sondern er ist dann auch wieder zum Vogel geworden. Diesmal nicht hoch hinaus, in die Lüfte, sondern eher im Käfig:
Ein zartes Vöglein will beschützt sein.

Und manchmal, manchmal muss anscheinend auch die Stadt vor den Schafen und ihren Hirten beschützt werden. Zumindest lässt das die Bekanntgabe der Bayerischen Staatsbibliothek vermuten:

»Am Samstag, den 9. September 2006 muß die Bibliothek wegen des Papstbesuches aus Sicherheitsgründen ganztägig geschlossen bleiben.«

post scriptum
Nett, daß eine alte und ehrwürdige Institution, wie die Bayerische Staatsbibliothek trotz aller staatlichen Weisung einfach bei der alten Rechtschreibung bleibt. Zumindest schreiben sie »muß«, wie ich hier »daß« geschrieben habe. — Vielleicht eine Form ziviler Ungehorsamkeit?

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