Hinterwelt.net

5. Juli 2011
Angedacht

Richtungsentscheidung. Nicht die Entscheidung, erst das Treiben im Alltag gibt die Richtung. Wie im Spaziergang folgt jeder Schritt aus sich selbst. Nur im Nachdenken der Richtung bahnt sich der nächste Schritt seinen Weg. Und wieder im Rückblick zeigt sich die Richtung, die der Gang genommen hat. Das ist Alltag.

28. Oktober 2009
Angedacht

Drei Menschen, drei Alltagswelten:
Eine ist zu Hause. Einer kämpft mit sich selbst. Der dritte kämpft mit Gott.

Wahrnehmen tut man nur einen von dreien.
Über die anderen schüttelt man den Kopf.

Der, den man wahrnimmt, ist man selbst.

9. Oktober 2009
Angedacht

„Ob Böll Kritik übt, ist mir gleich. Sein Clown kommt nicht klar mit der Welt. Das reicht.“

21. September 2009
Angedacht

Sitzt er und schreibt. Nicht ungewöhnlich, Montags, abends. Gedanken der letzten Wochen weiter ordnen. Gedanken in Textform bringen beginnt mit den Fäden, die in Erinnerung liegen. Seien sie auf der Finnischen Seenplatte, im Rausch Chanias oder im Fahrtwind vor Dietramszell. Täglich grüßt das Geflecht eigener Erinnerung. Die anstößige Assoziation ist selten bewusst. Täglich formt der Gedanke die Erinnerung, nimmt Fäden auf; andere lässt er fallen. Manche bleiben bestehen; andere versinken bestenfalls im Bücherregal, dem Archiv vergangener Leidenschaften. Was bleibt, sind die Erinnerungen, an denen die Gedanken arbeiten. Sie verändern sich solange die Gedanken an ihnen arbeiten. Hört der Gedanke auf, sind sie verschwunden. – Was bleibt: Erinnerung, die nicht das ist, woran sie erinnert und doch vorgibt, genau das zu sein.

Man könnte behaupten, es mache keinen Sinn, über Erinnerung zu streiten. Vor allem nicht, wenn es um erinnerte Zweisamkeit geht.
Solange der Reflex des Nachtretens da ist, tut man es trotzdem.

9. Juli 2009
Angedacht

Die Medien werden gerne als ›Creativbranche‹ gesehen. Ein Grund dafür liegt darin, dass sie mit Musikern und Schriftstellern eine Gemeinsamkeit haben: Auch die Medienberufe haben damit zu kämpfen, dass sich die Frage geändert hat, die sie sich anfangs gestellt hat. Aus: »Was will ich eigentlich machen? Was gefällt mir?« Wurde die Frage: »Was wollen die Leute eigentlich?« Der Maßstab der Herausforderung ist nicht mehr, wie anfangs, das sich selbst gesetzte Ziel – und sei es eine Suche. Stattdessen wird das »Gefallen finden« zum Maßstab, der über anerkannte Kompetenz entscheidet.

Wenn das erste Album einer Band das beste, zumindest das originellste war, liegt das (auch) daran, dass sich die eingangs gestellte Frage über die Jahre verändert hat. Bei den einen mehr, den anderen weniger. Der gelesen bekannte, der normale Alltag im Musikgeschäft, der sich eben auch auf die Inhalte auswirkt.

Skeptiker sagen, dass es in den Medien schon lange nicht mehr um Inhalte geht. Dass sich die Inhalte dadurch drastisch verändert haben, sagen sie auch.

Wenn man an einem Medienkongress Teil hat; erlebt, wie um das finanzielle Überleben gekämpft wird, während die Heilsbringer das Geld verdienen, das ja eigentlich knapp ist; wenn man sieht, wie die Teilhabe am Internet als Innovation und junges Publikum als Zeichen des »noch im Trend Seins« wahrgenommen wird, ((Kein Zufall ist es, dass der doch auszubildende Nachwuchs, der einfach nicht mehr so zahlreich kommt, wie noch vor zehn Jahren, dass dieses Ausbleiben für Unruhe sorgt, dass es nicht als gutes Zeichen erscheint.)) wenn ich das erlebe, frage ich mich, ob die Skeptiker Recht haben? Und ich frage mich, ob das einer der Gründe ist, weshalb das Internet so erfolgreich ist.

7. Juni 2009
Angedacht

Affirmation der Parlamentsmehrheit ist
Affirmation der Reaktion ist
Ablehnung der Gegenwart.
Reaktion durch Papier und Stift.

14. April 2009
Angedacht

Sprachgewalt. Posaunenstoß. Maßstäbe wechseln. Krisis durchschreiten, für den Augenblick, in den sie fällt, den sie zertrümmert und schweigen macht. Selbst groß wird, für den Augenblick. Brachial kommt sie. Zerstäubt wird sie vertrieben, mit der zentrierenden Geduld des Weiter so, das sich eingeschlichen hat, Gewohnheit ist.

Der Wunsch, ein einziges mal Ja zu sagen, einmal Ja zu meinen, zu denken, tatsächlich Ja zu fühlen, diese Sehnsucht nach Affirmation, nach Geborgenheit in der unbeugsamen Welt, hat den Alltag bestimmt und ist schließlich in Erfüllung gegangen. Freilich nur um den Preis stetiger Neuunterwerfung. Die Affirmation gibt es nur um den Preis des fortwährenden Kampfes mit sich selbst, seinen eigenen Gewohnheiten nicht nur im Tun — auch im Denken.

29. September 2008
Angedacht

Es wird geprügelt, gestochen, gehauen. Niederlagen groß und klein geredet. Eigene Sympathien entstehen, vergehen. Aber immerhin: Es wird diskutiert. Codes werden bedient, Signalwörter gesendet. Bissig, scharf, eloquent. – Wissend, besorgt oder siegesbewusst. Nicht immer fair, aber immer im Rahmen, immer verbal. Abgesehen vom Kochschen Schuh und der hin und wieder aufs Podium klatschenden Hand, ja Faust vielleicht, bleibt dieser Streit körperlos. Die Haltung, der Eindruck, die Körpersprache sind von Bedeutung – aber auch da ist es die Sprache des Körpers und nicht sein Potential zur Gewalt. Diskussionskultur im Fernsehen.

Bis zum Übergriff, den es dann doch und meist unbemerkt gibt. Übergriff auf das Gegenüber, nur von Mann zu Mann gepflegt. Und immer sind es die Männer einer Partei, die übergriffig werden. Übergriffigkeit als Parteikultur? Ob Strauß, Stoiber, Söder oder gestern Abend Wilfried Scharnagl. Sie alle haben den Griff mit der breiten Hand auf den Unterarm des Anderen als Teil der eigenen Diskussionskultur: Markenzeichen der CSU? Was sagt diese Geste, die den Rahmen der Geste verlässt und den Anderen angreift? Nicht mehr verbal, sondern haarscharf an der Grenze zum nicht tolerierten physischen Übergriff. Ist es der Vater, der seinen Sohn angreift? Paternalismus als Geste zum Ausdruck gebracht? Ist das Angreifen des Anderen, das Eindringen in seinen Raum, ist das Grapschen geschult oder vorparteiliches Charaktermerkmal?

9. September 2008
Angedacht

Wortwolke: Exposee

26. Juni 2008
Angedacht

Hundstage vielleicht. Unterschied macht es keinen, ob es dreißig oder vierzig Grad in der Sonne sind. Allein der Umstand genügt, dass es heiß ist, dass die Hitze das Licht den Verstand trübt. Gereizt das Gemüt, kann man auch sagen. Hundstage eben. (Lose Fäden, die der Alltag spinnt und die Erzählung dann zu Bettsocken strickt.)
Und in diese Hundstage tritt dann ein Abend, der mit Pizza und Bier beginnt und vor dem Hintergrundrauschen der Fahnen endet, die uns zum wiederholten Male erzählen, dass wir wieder wer sind. Die Erzählung des missverstandenen Phoenix, der aus den Trümmern entspringt. Fußballwunder sagen, Wiederaufbau denken. Die Kontinuität, die Anknüpfung, die das ›Wieder‹ ist, verschweigen – im Wiederaufbau, wie im ›wieder wer sein‹. Still den Neuanfang verkaufen. Borcherts Bilder als Triumph des Menschlichen über das, was irgendwie Un- ist preisen. Fußballsommer 2008 als Wiederholung des Fußballwunders 2006. Wir sind wieder wer. Wiederholung als Mittel der Komödie. Wenn es doch nur so wie damals wär‘. – Unflätig, die Aneinanderreihung von Sätzen, so ganz zwanglos ohne Hintergedanken, von ganz alleine im Stricken der Fäden entstanden.

24. Mai 2007
Angedacht

Letztens wurde ich gebeten einen Beitrag für eine Radiosendung zu dem Thema „Garten“ zu machen. Es mag viel über Gärten zu erzählen geben, es mag viele Experten und irgendwie anders geeignete O-Tongeber geben. Wenn man aber weder in einer radiophonen Ausführung von „Schöner Garten“ landen möchte, noch aufgeschwurbelt feuilletonistisch festlegen möchte, welche Bedeutung der Garten hat, dann bleibt nicht mehr viel übrig, dachte ich mir; — und dass ich zum Garten eigentlich nichts zu sagen habe. Heraus kam dieser Beitrag zum Garten. — Ausstellungsstück #2.

[audio:http://hinterwelt.net/wp-content/uploads/2007/05/garten.mp3]

Direkter Download der *.mp3

18. Mai 2007
Angedacht

Jürgen Habermas meldet sich in der Süddeutschen zu Wort und beklagt die gegenwärtige und vor allem zu erwartende zukünftige Qualität der freien Presse.

Freie Presse

Marius Meller vom Tagesspiegel schätzt Habermas, befürchtet aber, dass in seiner Philosophie und wohl vor allem seinem Artikel für die Süddeutsche »ein totalitärer Kern schlummert.«

Soweit habe ich das bei den Bissigen Liberalen gefunden und dort wird auch diskutiert, von welchen Seiten »die freie, qualitativ hochwertige Presse« bedroht ist.

Nun bin ich aber ein Freund von Perspektivwechseln. Und ich denke in diesem Fall macht es Sinn, das von Habermas ja wirklich nicht zuerst diagnostizierte Problem nicht aus der Sicht »von oben«, der Sicht, die die ganze Medienlandschaft auf einmal überblicken möchte, zu betrachten, sondern mal kurz zu der kleinsten Größe im Geschäft der Presse, der Nachricht und ihrer Entstehung zu wechseln.

Das von Habermas aufgegriffene Problem, vielleicht auch Phänomen (?) des Qualitätverfalls, beruft sich auf einige Allgemeinplätze, die zu einem naheliegenden Schluss führen:
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16. Mai 2007
Angedacht

Es ist natürlich schön zu sehen, wie man in Deutschland das Glück eines Aufschwungs zelebriert, der anscheinend nicht nur die Wirtschaft sondern auch die Gemüter betrifft. Aber der Blick nach draußen, in die Welt, zeichnet ein anderes Bild.

Dass es nicht mehr ausreichend ist, Außenpolitik nach einem schwankenden Gleichgewicht zweier um die Vorherrschaft buhlender Pole zu beurteilen, daran hat man sich über die Jahre gewöhnt. Man hat sich daran gewöhnt, dass seit dem Zusammenbruch des Ostblocks die Welt der Außenpolitik und zwischenstaatlichen Beziehungen komplizierter, weniger über- und durchschaubarer geworden ist.

Jemand, der noch ein Kind war, als der Ostblock zusammengebrochen ist, hat den Vorteil nichts anderes zu kennen, als dieses komplizierte Geflecht. Und doch frage ich mich dieser Tage, wie viele Krisen, Konflikte und Kriege das Gleichgewicht des gegenwärtigen Status Quo der internationalen Beziehungen eigentlich verkraftet, wenn ich den Blick über die Nachrichtenwelt wandern lasse:

Im Irak ist die Lage indes so hoffnungslos, dass sich die USA und der Iran inzwischen gezwungen sehen, miteinander zu sprechen. Ob dabei wirklich ein gemeinsames Irak-Protektorat entsteht, ist zwar nicht gewiss, aber alleine die Tatsache, dass es zu solchen Gesprächen kommt, wäre noch vor einem Jahr undenkbar gewesen. Ansich mag dieses Gespräch ja ein positives Zeichen sein, wenn aber gleichzeitig im Iran das Atomprogramm kontinuierlich Fortschritte macht und noch während über den Irak gesprochen werden soll gleichzeitig das Szenario eines Militärschlags im Raum steht, dann drängt sich der Verdacht auf, dass es sich bei der Gesprächsinitiative nur um den Mut der Verzweiflung handeln kann.

Von Frieden in Nahost spricht zur Zeit ohnehin keiner, wenn nicht nur noch Raketen auf Israel fliegen, sondern sich die Palästinenser in Gaza auch noch gegenseitig bekriegen und der Jordanische König Abdullah Olmert ermahnt.

Der Tornado-Einsatz der Bundeswehr und der Krieg im Süden Afghanistans sind zwar fast aus den Schlagzeilen verschwunden, aber eine Besserung der Lage ist auch dort nicht in Sicht.

In Pakistan gab es erst gestern wieder 24 Tote bei einem Selbstmordanschlag und auch die politische Stabilität scheint gefährdet.

Und auch im vergessenen Kontinent Afrika summieren sich die Konflikte nur weiter auf — ohne Lösung in Sicht. Im Kongo scheint der schlummernde Bürgerkrieg durch die Wahlen im vergangenen Jahren keineswegs beendet, von Darfur redet inzwischen wirklich niemand mehr und auch an der Elfenbeinküste hat sich nichts Wesentliches geändert.

Zu allem Überfluss kriselt es auch noch zwischen der EU und den USA auf der einen und Russland auf der anderen Seite.

Wahrscheinlich ist Außenpolitik schon während der ganzen letzten Jahre ein Tanz auf einem Vulkan. Aber kann es sein, dass dieser Vulkan zur Zeit ganz schön heiß ist?

10. April 2007
Angedacht

Es liegt schon ein fast zwei Monate zurück, dass Bundespräsident Horst Köhler in Kronach (Oberfranken) unterwegs war. Wahrscheinlich liegt es an der Natur der Sache Natur der Medien, dass die Worte des Bundespräsidenten nur dann auf die Waagschale gelegt werden, wenn er sich auf großen Bühnen und Kontinenten bewegt. Dabei lehrt doch eine Wendung, dass die richtige Politik auf kommunaler Ebene gemacht werde. Und eine andere Wendung lehrt, dass der wahre Journalismus im Lokaljournalismus zu finden und auch zu erlernen sei. Hin zum Lokalen, so lautet das Diktum. Es sollte sich also lohnen die Worte zu hören, die das Staatsoberhaupt für die Bürger einer Gemeinde hat, die bekanntlich mit der Abwanderung der Jugend und Arbeitslosigkeit zu kämpfen hat. Fast einfühlsam klingt Köhler, als er in der Gemeinde Kronach spricht:

[audio:http://hinterwelt.net/wp-content/uploads/2007/04/koehler_kronach.mp3]

Es mag nur eine Feinheit sein … aber der Feinheit wegen legt man Worte auf die Waagschale:

Der Satz: „Seien sie optimistisch“ ist ein Satz, der dem Pessimismus entspringt, und Köhler hat ihn vielleicht gerade deswegen vermieden. Er hätte sagen können: „Seinen sie nicht pessimistisch.“ Das wäre ein Satz gewesen, bei dem man sich fragen könnte, weshalb es das überhaupt sagt … aber nein, Köhler sagt wirklich:

[audio:http://hinterwelt.net/wp-content/uploads/2007/04/koehler_kronach_kurz.mp3]

Es ist schön, den einfühlsamen Ton in Köhlers Stimme zu hören. Deshalb erscheinen mir seine Worte auf den ersten Blick als politische Seelsorge. Aber: Ist es Ironie, wenn der Bundespräsident, der von sich Reden macht(e), weil er die Deutschen für ihr Klagen, ihren Pessimismus geißelte, hier ausgerechnet zu einem Pessimismus, der aber nicht übermäßig sein soll, auffordert? Ist es Zynismus, wenn er das ausgerechnet vor den Bürgern einer Gemeinde tut, die nicht zu den Gewinnern der wirtschaftlichen Entwicklung der letzten Jahre gehört?

18. März 2007
Angedacht

Es ist ein alter Hut, über die Skandalgeilheit der Medien zu lamentieren. Zu abgebrüht ist der Medienkonsument. Und während dem Bildleser die Skepsis über Jahre zur Natur geworden ist, weil er sich daran gewöhnt hat, nicht alles zu glauben, was dort steht, und der Griff in den Zeitungsständer schon längst neugierig und ungläubig zugleich geworden ist, — »Ui, wirklich, haben wir wirklich nur noch 13 Jahre?« — stehen auf der anderen Seite die Leser der Abonnentenzeitung und braven Konsumenten des Gebührenfernsehens mit schon gebildeter Meinung, denen ich (pauschal) ein weniger kritisches Verhältnis zu dem was sie da lesen, sehen oder hören, unterstelle. Und ich ertappe mich selbst dabei: Im Gegensatz zur Bild begreife ich die »seriösen« Medien nicht als Unterhaltung sondern als Information. Wenn ich über einen Krieg lese, glaube ich zu recht, dass er wirklich stattfindet, dass dort wirklich eine Bombe explodiert ist, dass sich die Außenminister wirklich getroffen haben. Kurz: Ich nehme die Welt über Medien wahr und bilde mir so über die Medien vermittelt ein Weltbild.

Wie oft passiert es aber, dass die »seriösen Medien« Wahrheiten verbreiten, die eben nicht wahr, vielleicht sogar erfunden sind. Erst vor drei Wochen lieferte Panorama Falschinformation vom Feinsten zu den »Killerspielen«. Letzte Woche trinkt sich ein Jugendlicher ins Koma und alle, wirklich alle springen auf den Zug auf: Die Jugendlichen trinken sich zu Tode, Flat-Rate-Trinken, der neue Trend und so weiter undsoweiter usw.

Während die einen über den Sinn oder Unsinn von Gesetzesänderungen diskutieren, sagt der Gesundheitsexperte Wolfgang Settertobulte im taz-Interview:

Nach den neuesten Daten hat der Alkoholkonsum unter Jugendlichen drastisch abgenommen. Gerade das regelmäßige Trinken, etwa in der Kneipe, wird seltener. […] Auch das Rauschtrinken hat nachgelassen, wenngleich nicht ganz so stark wie das regelmäßige.

Ist der ganze Schlagzeilenhype um den Alkoholkonsum der Jugendlichen in Deutschland also bloß eine Ente? Keine Ahnung, kann ich nur sagen. Aber ganz unwahrscheinlich ist es nicht, denn der Schritt von der Agenturmeldung »Jugendlicher hat sich ins Koma gesoffen« hin zu »Ich mach ein/e/n Feature/Reportage/Beitrag zum krassen Alkoholkonsum der Minderjährigen« ist in den Redaktionen klein, wenn das Muster vom aktuellen »Aufhänger« zum allgemeinen Thema als Grundkonzept der journalistischen Themenfindung gepredigt wird.

Hin zum Allgemeinen. Schritt zurück. Es ist gleich, ob nun so oder so. Wenn Herr Settertobulte aber recht hat, wenn sein Bild die Welt ein bisschen besser repräsentiert, dann stellt sich einmal mehr die Frage, was von dem Bild zu halten ist, das die Medien, die seriösen, vermitteln, tagtäglich, rund um die Uhr. — Wenn man die Welt als Gegenstand annimmt, der von den Medien abgebildet werden soll, gleich einer Photographie, dann sollte man im gleichen Atemzug sagen, dass auch das Kino abbildet, indem es photographiert. Im Kino ist sich jeder bewusst, dass Bildretusche, Bildmontage und Inszenierung das verändern, was wir sehen, indem es verändert, wie wir es sehen.

Diese Analogie ist nicht unproblematisch, aber vielleicht deshalb denkenswert, weil wir beim Film wahrscheinlich kritischer sind, als bei den Tagesthemen. Und eigentlich sollte es anders herum sein, oder?

nachtrag
zu den Grenzen der Analogie: Wenn wir einen Film Michael Moores sehen ist das vielleicht anders, aber das ist dann nochmal eine andere Geschichte.

17. März 2007
Angedacht

Und nach den ruhigen letzten Wochen war da plötzlich wieder das Jucken in den Fingern. Ein Lesen, das um jeden Preis versucht gegen den Strich zu lesen, das den Text überwörtlich nimmt und die Assoziationsreihen im Kopf in Gang setzt. Jetzt beginnt das, was man als Geistesübung einer sophistischen Tradition begreifen kann und Korinthenkackerei nennt. Der Zwang, vielleicht die Not, in den Gedankengang des unbekannten Gegenübers hinein zu grätschen, ihm ins Wort zu fallen, im Nachhinein, unentwegt und mit dem Wunsch am Ende nicht das Wort im Mund, sondern den Gedanken im Kopf verdreht zu haben. Unsympathisch solche Züge, aber manchmal eben auch reizvoll, wenn sie denn plötzlich da ist, die Diskussionswut über einen Kommentar zum Klima und der Rezeption seines Wandels, in brandeins, von Wolf Lotter, gefunden über die Bissigen-Liberalen.

Es macht (fast) immer was her, sich in die Tradition der Aufklärung zu stellen. Und wenn Wolf Lotter beim Klimaproblem den »Verlust des Denkvermögens« diagnostiziert, scheint es sich bei der Diskussion des Klimawandels um eine Antiaufklärung zu handeln, da die Maxime der Aufklärung nun mal das »Selbstdenken« ((vgl. I. Kant: »Was heißt: sich im Denken Orientieren?« S. 60. In: »Was ist Aufklärung?«, Hamburg: Meiner 1999.)) ist. Es macht immer was her, sich in eine Tradition zu stellen, sich große Fahnen an den Mast zu hängen und dann mit stolzgeschwelltem Bug über die Meere zu kreuzen. Nur ebenso verständlich ist’s hoffentlich auch, wenn ein eben solch aufgetakeltes Schiff am Horizont im Krähennest die Alarmglocke läuten lässt. Ja, hier hat jemand gedacht, wollte und hat auch radikal gedacht, nur Radikalität schützt vor Irrungen noch lange nicht. Herr Wolf, so möchte ich behaupten hat sich verirrt, nicht politisch und auch nicht moralisch, sondern rein argumentativ. Und da er mit Kant anscheinend nicht ganz unbekannt, stört’s ihn wohl hoffentlich auch nicht, wenn ich hier ein bisschen weiter aushole und seinen Gedankengang sezieren möchte.

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16. März 2007
Angedacht

Es gibt Dinge, bei denen man sich ziemlich sicher ist, dass sie nicht in youtube und auch sonst bislang nirgends im Netz zu finden sind. Ein kleiner lokaler Radiosender schickt um kurz nach sechs Uhr morgens ein Wort zum Tag, eine tägliche Andacht in den Äther.

Welche Höhenflüge die deutsche Seelsorge erreichen kann, ich konnte es nicht glauben …

[audio:http://hinterwelt.net/wp-content/uploads/2007/derPFARRER.mp3]

… gerade, weil es so unspektakulär ist.

1. März 2007
Angedacht

… ganz einfach: Deshalb.

Besser als Zeitung. Besser als Radio. Besser als Fernsehen. Interaktivität, sagten sie und meinten Gesprächskultur. Manchmal gibt es sowas tatsächlich zu sehen, zu lesen, zu diskutieren.

Wer sich überzeugen will, folgt einfach dem Link dort oben, liest den Eintrag auf »Metalust & Subdiskurse« und verfolgt die Diskussion, die so ganz harmlos beginnt und plötzlich Leben entfaltet. Schön das. (Mit)Freude.

Hat irgendjemand gezählt, wie viele Artikel, Essays, Diskussionen, Interviews in den letzten Wochen und Monaten erschienen sind? Will das jemand zählen? Heute veröffentlichte Wolf Lepenies in der Welt einen Essay zur erneuten Standortbestimmung und Rechtfertigung der Geisteswissenschaften – in diesem Fall: an der Technischen Universität Berlin, wo die Abschaffung dieser Fächer aber bereits beschlossen ist ((In dem Papier Strukturelle Veränderungen in der Technischen Universität Berlin 1997/98 heißt es:
»Die Unabdingbarkeit geisteswissenschaftlicher […] Disziplinen für eine Technische Universität kann sich zum einen aus Synergieeffekten für die Entwicklung der Technikwissenschaften ergeben. […] Zum anderen kann sich diese Unabdingbarkeit aber auch herleiten aus der Bedeutung der Fächer für die Lehre […]«
Im Grunde sagt das bereits all‘ das, was Herr Lepenies in seinem Essay schreibt. Vielleicht wäre es ja sinnvoll gewesen, zu Fragen, was sich in den knapp zehn Jahren an der Welt und dem Weltbild so sehr geändert hat, dass man die Fächer heute nicht mehr braucht.)) … vielleicht sollte es ein Nachruf werden. Stattdessen bietet er uns nur einen weiteren Aufruf an die Geisteswissenschaften, sich selbst »neu zu disziplinieren.«

Es mag an meiner eigenen, vielleicht versch(r)obenen Sicht liegen, dass ich dachte, diese Disziplinierung erfolge gewissermaßen von alleine, — auch ohne Apologien, die in großen deutschen Zeitungen veröffentlicht werden.

Es mag auch an dieser versch(r)obenen Sicht liegen, dass ich im Bekanntenkreis auf die Frage nach dem »Nutzen« bisher immer sehr kurz geantwortet habe: weiter »

27. Januar 2007
Angedacht

Einer dieser Tage, die neben der Heizung mit dem Blick nach draußen beginnen. Wenn Øyes und Bøes Stimmen den Kaffee begleiten, wenn der Schnee in der Stadt ist und die harten Konturen unter dem weißen Mantel verschwinden, wenn der Wind die Flocken tanzen und die Menschen ihre Köpfe zwischen die Schultern ziehen lässt, dann erscheint sie mir friedlich, die Stadt. Momentaufnahme.

Manchmal erscheint die Stadt friedlich, das Leben einfach und die Welt unkompliziert. Augenblick ohne Zweifel; und fast zwangsläufig fällt der Gedanke wieder auf ein Sprüchlein, mit dem ich mich vor kurzem auseinandergesetzt habe: »So ist das Leben: Die Klugen sind stets voller Zweifel und die Dummen sind sich stets so sicher.«

Vielleicht ist dieser Moment dümmlich, vielleicht ist er trivial, vielleicht lasse ich mich vom Wetter hinreißen denke ich und denke doch gleichzeitig an meine damalige Antwort: »Der Zweifel macht das Denken, und die Gewissheit ist dem Denken wohlverdiente Pause.«

Nur, was ist schon gewiss in diesem Augenblick? Es ist nicht Gewissheit, sondern ein Blick, der das Interesse an den Details verloren hat, die Details nicht mehr sieht. So, wie die Stadt unter der Decke aus Schnee ihre Details verloren hat. Natürlich kann man graben, den Außenspiegel des Autos wieder freilegen. Nur, warum sollte man das im Moment tun, denke ich mir, sind doch ganz schön, die eingeschneiten Autos.

»Der Teufel steckt im Detail« sagt eine Redewendung und in freier Wendung könnte man zu dem Schluss kommen, dass eine Welt ohne Details vielleicht ohne Teufel wäre. Klar, dieser Gedanke ist Schwachsinn. Aber trotzdem frage ich mich, ob die Sehnsucht nach weißer Weihnacht so groß ist, weil wir sie nicht sehen wollen, die Details, an Weihnachten.

Friedlich ist die eingeschneite Welt; und doch ist es eigentlich nur das eine, das mir gerade fehlt: Die Not, die Spannung und ihre verwundbare Stelle zu suchen. Vielleicht müssen dazu erst wieder die Details in den Straßen sichtbar werden, wenn es Frühling wird, wenn die Schneedecke schmilzt, wenn die Natur wieder zum Leben erwacht. Ja, im Winter, da ist es ruhig, das Leben ruht und vielleicht ist der Moment gar nicht dümmlich, sondern nur eine Pause vom Leben, die das Leben lebenswert macht?

Pause …

… bis die Musik aus und die Kaffeetasse leer ist und die Details wieder sichtbar werden und der Gedanke wieder in den Zweifel und die Not des Geistes fällt:

»(…) wir haben sie noch, die ganze Not des Geistes und die ganze Spannung seines Bogens! Und vielleicht auch den Pfeil, die Aufgabe, wer weiß? das Ziel… « ((F. Nietzsche: Vorwort zu: Jenseits von Gut und Böse.))

Anmerkung zu den Bildern
Die Bilder sind von Quasimodo und unterstehen einer Creative-Commons-Lizenz.

12. Januar 2007
Angedacht

Dialog im Morgengrauen:

»Ich finde der Text ist äußerst unklar. Zumindest wird er gegen Ende immer unklarer.«

»Nee, das faszinierende an diesem Text ist doch, dass man bei wiederholtem Lesen immer mehr finden kann. Auf den ersten Blick ließt er sich wie ein Zeitschriftenartikel; bei genauerem Blick hat dieser Text aber in eine Tiefe, die schon fast beängstigend ist.«

»Hm, wenn der Text so weit in die Tiefe geht, wie sieht das da dann aus? – Ich war da noch nie; wird es da unten dann ganz Dunkel oder wie muss ich mir das vorstellen?«

Sich verselbstständigende Metaphern … Man kann sie nicht nur in der Alltagssprache finden. So ist es beispielsweise befremdlich, wie unpassend die Metapher des Hirten für den Priester ist – zumal, wenn er ein Vogel ist.

post scriptum
Im Dialog ging es um Kants »Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung.«

8. Januar 2007
Angedacht

Ja, die Goldene Regel. Wenn wir alle so und danach lebten, dann … vielleicht wäre dann ja wirklich alles besser. Und dabei ist sie doch schon so alt. Hin und wieder wurde sie ergänzt und was bleibt ist ein goldenes Mischmasch, das wir den Kindern im Religions- oder Ethikunterricht vermitteln – auf das sie alle gute Menschen werden. (Dabei sollte doch bekannt sein, dass die zehn Gebote ein ganz schlechtes Verhältnis zu Gold haben. Wie war das noch gleich, als Moses vom Berg kam, mit diesem Kalb, das ihn erzürnte und er gleich nochmal los musste, um die zweite Ausgabe der Steintafeln holen …)

Auch Ede Wolf Stoiber hat seine Lektion im Religionsunterricht gelernt und sagt gleich frohen Mutes, dass die Nächstenliebe sein wichtigstes Gebot der zehn sei. Es ist nur eine am Rande störende Feinheit, dass die Nächstenliebe gar nicht Teil der zehn Gebote ist, wenn der als Wolf verkannte sich endlich als Schaf zu erkennen gibt. Vielleicht ja auch, weil der in den eigenen Reihen zur Zeit so ungeliebte Ministerpräsident mit seinem Bekenntnis zur Nächstenliebe sich wohl auch ein bisschen Liebe seiner Nächsten für sich selbst erhofft.

Doch die Frevler schreiten noch viel weiter. … weiter »

6. Januar 2007
Angedacht

Vorgestern hatte ich in Second Life ein faszinierendes und gleichzeitig verstörendes Erlebnis: Ich habe zum ersten Mal in einem virtuellen Club als DJ aufgelegt. – Ein paar Gedanken über die Grenzverschiebungen zwischen »Echt« und »Unecht«, von denen ich nicht weiß, ob ich sie lieben oder fürchten soll.

Vorgestern habe ich also in diesem Club aufgelegt. Der Zufall will es, dass auch vorgestern die Zeit über Second Life geschrieben hat. Heute schreibt die Berliner Zeitung (Leider nicht mehr online verfügbar), vor ein paar Wochen der Spiegel und hier im Netz ist ohnehin alles voller zweitem Leben. Ohne gleich eine Debatte über die Qualität des deutschen Qualitätsjournalismus eröffnen zu wollen, ist die Ähnlichkeit der fraglichen Artikel schon beachtenswert. Das Unerhörte und deshalb Erwähnenswerte ist für diese Zeitungsartikel, dass man mit Second Life Geld verdienen kann. Die Zeit steckte ihren Artikel auch gleich passend in den Wirtschaftsteil und stellt die finanziell erfolgreiche Anshe Chung in der Weise vor, wie sonst neue Unternehmensspitzen vorgestellt werden. – Die Berliner Zeitung packt ihren Artikel dagegen ins Feuilleton und verspricht Interessantes: »Nirgends werden die Möglichkeiten und Probleme des Internets deutlicher als bei Second Life«. Tatsächlich verspricht der Artikel viel und hält nichts davon, denn … weiter »

16. September 2006
Angedacht

Gestern Abend: Glauben tun wir alle, die einen an das eine, die anderen ans andere, so scheint’s zumindest, scheint es mir.
Gestern Abend also über Glauben … Haben wir diskutiert? Nein, diskutiert haben wir nicht, vielmehr uns gegenseitig unserer Sympathie versichert. Weichspülgang, sich beweihräuchern und in der Gruppe gegenseitig selbst bestätigen. Kontrastprogramm, nicht nur zu Richard Dawkins Versuchen (gefunden via philoblog und mario sixtus) in zwei 45minütern im Fernsehen zu zeigen, was schon zu viele versucht haben. Er wollte in „The Root of All Evil?“ (hier erster Teil, zweiter Teil Leider sind die beiden Folgen auf video.google.com und youtube.com nicht mehr vorhanden.) zeigen, weshalb der Glaube nicht gut, vielleicht besser: dumm ist. Etwas dümmlich, fast naiv erschien mir aber vor allem seine Argumentation. Weshalb?

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9. September 2006
Angedacht

Der Papst ist in der Stadt. Oder vielmehr: Er kommt heute in die Stadt. Vielleicht ist er schon gelandet, vielleicht als Vogel noch in der Luft, – wohin ihn ja auch der Glaube trägt. Zumindest hat das der Hirte der Hirten, als er nur ein Hirte mit weniger Hirten unter sich war … Als er noch Joseph Ratzinger und Kardinal und fehlbar war, da sagte er in einem Fernsehinterview, der Glaube gäbe ihm das Gefühl ein Vöglein zu sein. »Hoch hinaus, in die Lüfte« sagte er. In der Luft ist er wohl noch. Bald wird er landen, dann nicht mehr als Vogel, sondern als Hirte.

das ist der Hirte der HirtenSoll man den Hirten wörtlich oder als Metapher nehmen? Jedenfalls frage ich mich, ob es eigentlich Hirten auf dem Land gibt, die sich organisieren und Hierarchien bilden? Und ich frage mich, ob Schäflein nicht durcheinander kommen, wenn plötzlich so viele Hirten vorhanden sind, die sie behüten wollen?

Wie auch immer — vielleicht ist der Oberhirte schon gelandet. Vielleicht ist der Verkehr schon zum Erliegen gekommen, weil die Schäflein über die Straße müssen. Alles ganz wie auf dem Land. Wenn wir schon bei Schafen sind, ist es auch nicht mehr so weit zum Wolf im Schafspelz, denn unter den Schafen, da könnte auch immer ein Wolf sein. Vielleicht gar einer, der Kreide gefressen hat. Und auch für den Hirten gibt es eine Verwandlung: Dann, wenn der Hirte in seinem Mobil durch die Herde fährt und alle Schäflein ganz durcheinander bringt, dann verfehlt der Hirte nicht nur seine Aufgabe, die Herde zu leiten, sondern er ist dann auch wieder zum Vogel geworden. Diesmal nicht hoch hinaus, in die Lüfte, sondern eher im Käfig:
Ein zartes Vöglein will beschützt sein.

Und manchmal, manchmal muss anscheinend auch die Stadt vor den Schafen und ihren Hirten beschützt werden. Zumindest lässt das die Bekanntgabe der Bayerischen Staatsbibliothek vermuten:

»Am Samstag, den 9. September 2006 muß die Bibliothek wegen des Papstbesuches aus Sicherheitsgründen ganztägig geschlossen bleiben.«

post scriptum
Nett, daß eine alte und ehrwürdige Institution, wie die Bayerische Staatsbibliothek trotz aller staatlichen Weisung einfach bei der alten Rechtschreibung bleibt. Zumindest schreiben sie »muß«, wie ich hier »daß« geschrieben habe. — Vielleicht eine Form ziviler Ungehorsamkeit?

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