Hinterwelt.net

11. Juni 2008
Alltag

Kurz der Hinweis: Hier ist Baustelle.
Wenn also der eine oder andere Link gerade nicht funktionieren sollte, dann einfach zwei, drei Tage Geduld und alles sollte wieder beim Guten sein.

24. Mai 2007
Alltag

Letztens wurde ich gebeten einen Beitrag für eine Radiosendung zu dem Thema “Garten” zu machen. Es mag viel über Gärten zu erzählen geben, es mag viele Experten und irgendwie anders geeignete O-Tongeber geben. Wenn man aber weder in einer radiophonen Ausführung von “Schöner Garten” landen möchte, noch aufgeschwurbelt feuilletonistisch festlegen möchte, welche Bedeutung der Garten hat, dann bleibt nicht mehr viel übrig, dachte ich mir; — und dass ich zum Garten eigentlich nichts zu sagen habe. Heraus kam dieser Beitrag zum Garten. — Ausstellungsstück #2.

Direkter Download der *.mp3

22. Mai 2007
Alltag

Wie die Funktionsweise und letztlich auch der Erfolg der Medien, die Medien zum Schweigen zwingt, wenn sie nicht zum Instrument werden wollen.
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18. Mai 2007
Alltag

Jürgen Habermas meldet sich in der Süddeutschen zu Wort und beklagt die gegenwärtige und vor allem zu erwartende zukünftige Qualität der freien Presse.

Freie Presse

Marius Meller vom Tagesspiegel schätzt Habermas, befürchtet aber, dass in seiner Philosophie und wohl vor allem seinem Artikel für die Süddeutsche »ein totalitärer Kern schlummert.«

Soweit habe ich das bei den Bissigen Liberalen gefunden und dort wird auch diskutiert, von welchen Seiten »die freie, qualitativ hochwertige Presse« bedroht ist.

Nun bin ich aber ein Freund von Perspektivwechseln. Und ich denke in diesem Fall macht es Sinn, das von Habermas ja wirklich nicht zuerst diagnostizierte Problem nicht aus der Sicht »von oben«, der Sicht, die die ganze Medienlandschaft auf einmal überblicken möchte, zu betrachten, sondern mal kurz zu der kleinsten Größe im Geschäft der Presse, der Nachricht und ihrer Entstehung zu wechseln.

Das von Habermas aufgegriffene Problem, vielleicht auch Phänomen (?) des Qualitätverfalls, beruft sich auf einige Allgemeinplätze, die zu einem naheliegenden Schluss führen:
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17. Mai 2007
Alltag

Ausstellungsstueck Nr. 1 - Tisch

Abgeschnittene Köpfe von (Groß)Wild sind schon gewöhnungsbedürftig; die Köpfe behalten aber immerhin noch eine gewisse Würde, wenn sie hoch oben an der Wand thronen. Abgeschnittene Gliedmaßen als Tischbeine missbraucht sind nicht nur dieser letzten Würde beraubt, sondern erregen bei mir auch Ekel. Gefunden auf dem Theresienwiesenflohmarkt in München.

16. Mai 2007
Alltag

Es ist natürlich schön zu sehen, wie man in Deutschland das Glück eines Aufschwungs zelebriert, der anscheinend nicht nur die Wirtschaft sondern auch die Gemüter betrifft. Aber der Blick nach draußen, in die Welt, zeichnet ein anderes Bild.

Dass es nicht mehr ausreichend ist, Außenpolitik nach einem schwankenden Gleichgewicht zweier um die Vorherrschaft buhlender Pole zu beurteilen, daran hat man sich über die Jahre gewöhnt. Man hat sich daran gewöhnt, dass seit dem Zusammenbruch des Ostblocks die Welt der Außenpolitik und zwischenstaatlichen Beziehungen komplizierter, weniger über- und durchschaubarer geworden ist.

Jemand, der noch ein Kind war, als der Ostblock zusammengebrochen ist, hat den Vorteil nichts anderes zu kennen, als dieses komplizierte Geflecht. Und doch frage ich mich dieser Tage, wie viele Krisen, Konflikte und Kriege das Gleichgewicht des gegenwärtigen Status Quo der internationalen Beziehungen eigentlich verkraftet, wenn ich den Blick über die Nachrichtenwelt wandern lasse:

Im Irak ist die Lage indes so hoffnungslos, dass sich die USA und der Iran inzwischen gezwungen sehen, miteinander zu sprechen. Ob dabei wirklich ein gemeinsames Irak-Protektorat entsteht, ist zwar nicht gewiss, aber alleine die Tatsache, dass es zu solchen Gesprächen kommt, wäre noch vor einem Jahr undenkbar gewesen. Ansich mag dieses Gespräch ja ein positives Zeichen sein, wenn aber gleichzeitig im Iran das Atomprogramm kontinuierlich Fortschritte macht und noch während über den Irak gesprochen werden soll gleichzeitig das Szenario eines Militärschlags im Raum steht, dann drängt sich der Verdacht auf, dass es sich bei der Gesprächsinitiative nur um den Mut der Verzweiflung handeln kann.

Von Frieden in Nahost spricht zur Zeit ohnehin keiner, wenn nicht nur noch Raketen auf Israel fliegen, sondern sich die Palästinenser in Gaza auch noch gegenseitig bekriegen und der Jordanische König Abdullah Olmert ermahnt.

Der Tornado-Einsatz der Bundeswehr und der Krieg im Süden Afghanistans sind zwar fast aus den Schlagzeilen verschwunden, aber eine Besserung der Lage ist auch dort nicht in Sicht.

In Pakistan gab es erst gestern wieder 24 Tote bei einem Selbstmordanschlag und auch die politische Stabilität scheint gefährdet.

Und auch im vergessenen Kontinent Afrika summieren sich die Konflikte nur weiter auf — ohne Lösung in Sicht. Im Kongo scheint der schlummernde Bürgerkrieg durch die Wahlen im vergangenen Jahren keineswegs beendet, von Darfur redet inzwischen wirklich niemand mehr und auch an der Elfenbeinküste hat sich nichts Wesentliches geändert.

Zu allem Überfluss kriselt es auch noch zwischen der EU und den USA auf der einen und Russland auf der anderen Seite.

Wahrscheinlich ist Außenpolitik schon während der ganzen letzten Jahre ein Tanz auf einem Vulkan. Aber kann es sein, dass dieser Vulkan zur Zeit ganz schön heiß ist?

10. April 2007
Alltag

Es liegt schon ein fast zwei Monate zurück, dass Bundespräsident Horst Köhler in Kronach (Oberfranken) unterwegs war. Wahrscheinlich liegt es an der Natur der Sache Natur der Medien, dass die Worte des Bundespräsidenten nur dann auf die Waagschale gelegt werden, wenn er sich auf großen Bühnen und Kontinenten bewegt. Dabei lehrt doch eine Wendung, dass die richtige Politik auf kommunaler Ebene gemacht werde. Und eine andere Wendung lehrt, dass der wahre Journalismus im Lokaljournalismus zu finden und auch zu erlernen sei. Hin zum Lokalen, so lautet das Diktum. Es sollte sich also lohnen die Worte zu hören, die das Staatsoberhaupt für die Bürger einer Gemeinde hat, die bekanntlich mit der Abwanderung der Jugend und Arbeitslosigkeit zu kämpfen hat. Fast einfühlsam klingt Köhler, als er in der Gemeinde Kronach spricht:

Es mag nur eine Feinheit sein … aber der Feinheit wegen legt man Worte auf die Waagschale:

Der Satz: “Seien sie optimistisch” ist ein Satz, der dem Pessimismus entspringt, und Köhler hat ihn vielleicht gerade deswegen vermieden. Er hätte sagen können: “Seinen sie nicht pessimistisch.” Das wäre ein Satz gewesen, bei dem man sich fragen könnte, weshalb es das überhaupt sagt … aber nein, Köhler sagt wirklich:

Es ist schön, den einfühlsamen Ton in Köhlers Stimme zu hören. Deshalb erscheinen mir seine Worte auf den ersten Blick als politische Seelsorge. Aber: Ist es Ironie, wenn der Bundespräsident, der von sich Reden macht(e), weil er die Deutschen für ihr Klagen, ihren Pessimismus geißelte, hier ausgerechnet zu einem Pessimismus, der aber nicht übermäßig sein soll, auffordert? Ist es Zynismus, wenn er das ausgerechnet vor den Bürgern einer Gemeinde tut, die nicht zu den Gewinnern der wirtschaftlichen Entwicklung der letzten Jahre gehört?

18. März 2007
Alltag

Es ist ein alter Hut, über die Skandalgeilheit der Medien zu lamentieren. Zu abgebrüht ist der Medienkonsument. Und während dem Bildleser die Skepsis über Jahre zur Natur geworden ist, weil er sich daran gewöhnt hat, nicht alles zu glauben, was dort steht, und der Griff in den Zeitungsständer schon längst neugierig und ungläubig zugleich geworden ist, — »Ui, wirklich, haben wir wirklich nur noch 13 Jahre?« — stehen auf der anderen Seite die Leser der Abonnentenzeitung und braven Konsumenten des Gebührenfernsehens mit schon gebildeter Meinung, denen ich (pauschal) ein weniger kritisches Verhältnis zu dem was sie da lesen, sehen oder hören, unterstelle. Und ich ertappe mich selbst dabei: Im Gegensatz zur Bild begreife ich die »seriösen« Medien nicht als Unterhaltung sondern als Information. Wenn ich über einen Krieg lese, glaube ich zu recht, dass er wirklich stattfindet, dass dort wirklich eine Bombe explodiert ist, dass sich die Außenminister wirklich getroffen haben. Kurz: Ich nehme die Welt über Medien wahr und bilde mir so über die Medien vermittelt ein Weltbild.

Wie oft passiert es aber, dass die »seriösen Medien« Wahrheiten verbreiten, die eben nicht wahr, vielleicht sogar erfunden sind. Erst vor drei Wochen lieferte Panorama Falschinformation vom Feinsten zu den »Killerspielen«. Letzte Woche trinkt sich ein Jugendlicher ins Koma und alle, wirklich alle springen auf den Zug auf: Die Jugendlichen trinken sich zu Tode, Flat-Rate-Trinken, der neue Trend und so weiter undsoweiter usw.

Während die einen über den Sinn oder Unsinn von Gesetzesänderungen diskutieren, sagt der Gesundheitsexperte Wolfgang Settertobulte im taz-Interview:

Nach den neuesten Daten hat der Alkoholkonsum unter Jugendlichen drastisch abgenommen. Gerade das regelmäßige Trinken, etwa in der Kneipe, wird seltener. [...] Auch das Rauschtrinken hat nachgelassen, wenngleich nicht ganz so stark wie das regelmäßige.

Ist der ganze Schlagzeilenhype um den Alkoholkonsum der Jugendlichen in Deutschland also bloß eine Ente? Keine Ahnung, kann ich nur sagen. Aber ganz unwahrscheinlich ist es nicht, denn der Schritt von der Agenturmeldung »Jugendlicher hat sich ins Koma gesoffen« hin zu »Ich mach ein/e/n Feature/Reportage/Beitrag zum krassen Alkoholkonsum der Minderjährigen« ist in den Redaktionen klein, wenn das Muster vom aktuellen »Aufhänger« zum allgemeinen Thema als Grundkonzept der journalistischen Themenfindung gepredigt wird.

Hin zum Allgemeinen. Schritt zurück. Es ist gleich, ob nun so oder so. Wenn Herr Settertobulte aber recht hat, wenn sein Bild die Welt ein bisschen besser repräsentiert, dann stellt sich einmal mehr die Frage, was von dem Bild zu halten ist, das die Medien, die seriösen, vermitteln, tagtäglich, rund um die Uhr. — Wenn man die Welt als Gegenstand annimmt, der von den Medien abgebildet werden soll, gleich einer Photographie, dann sollte man im gleichen Atemzug sagen, dass auch das Kino abbildet, indem es photographiert. Im Kino ist sich jeder bewusst, dass Bildretusche, Bildmontage und Inszenierung das verändern, was wir sehen, indem es verändert, wie wir es sehen.

Diese Analogie ist nicht unproblematisch, aber vielleicht deshalb denkenswert, weil wir beim Film wahrscheinlich kritischer sind, als bei den Tagesthemen. Und eigentlich sollte es anders herum sein, oder?

nachtrag
zu den Grenzen der Analogie: Wenn wir einen Film Michael Moores sehen ist das vielleicht anders, aber das ist dann nochmal eine andere Geschichte.

16. März 2007
Alltag

Es gibt Dinge, bei denen man sich ziemlich sicher ist, dass sie nicht in youtube und auch sonst bislang nirgends im Netz zu finden sind. Ein kleiner lokaler Radiosender schickt um kurz nach sechs Uhr morgens ein Wort zum Tag, eine tägliche Andacht in den Äther.

Welche Höhenflüge die deutsche Seelsorge erreichen kann, ich konnte es nicht glauben …

… gerade, weil es so unspektakulär ist.

1. März 2007
Alltag

… ganz einfach: Deshalb.

Besser als Zeitung. Besser als Radio. Besser als Fernsehen. Einfach Web 2.0, verkündeten sie. Interaktivität, sagten sie und meinten Gesprächskultur. Manchmal gibt es sowas tatsächlich zu sehen, zu lesen, zu diskutieren.

Wer sich überzeugen will, folgt einfach dem Link dort oben, liest den Eintrag auf »Metalust & Subdiskurse« und verfolgt die Diskussion, die so ganz harmlos beginnt und plötzlich Leben entfaltet. Schön das. (Mit)Freude.

Hat irgendjemand gezählt, wie viele Artikel, Essays, Diskussionen, Interviews in den letzten Wochen und Monaten erschienen sind? Will das jemand zählen? Heute veröffentlichte Wolf Lepenies in der Welt einen Essay zur erneuten Standortbestimmung und Rechtfertigung der Geisteswissenschaften - in diesem Fall: an der Technischen Universität Berlin, wo die Abschaffung dieser Fächer aber bereits beschlossen ist[1] … vielleicht sollte es ein Nachruf werden. Stattdessen bietet er uns nur einen weiteren Aufruf an die Geisteswissenschaften, sich selbst »neu zu disziplinieren.«

Es mag an meiner eigenen, vielleicht versch(r)obenen Sicht liegen, dass ich dachte, diese Disziplinierung erfolge gewissermaßen von alleine, — auch ohne Apologien, die in großen deutschen Zeitungen veröffentlicht werden.

Es mag auch an dieser versch(r)obenen Sicht liegen, dass ich im Bekanntenkreis auf die Frage nach dem »Nutzen« bisher immer sehr kurz geantwortet habe: weiter »


  1. In dem Papier Strukturelle Veränderungen in der Technischen Universität Berlin 1997/98 heißt es:
    »Die Unabdingbarkeit geisteswissenschaftlicher [...] Disziplinen für eine Technische Universität kann sich zum einen aus Synergieeffekten für die Entwicklung der Technikwissenschaften ergeben. [...] Zum anderen kann sich diese Unabdingbarkeit aber auch herleiten aus der Bedeutung der Fächer für die Lehre [...]«
    Im Grunde sagt das bereits all’ das, was Herr Lepenies in seinem Essay schreibt. Vielleicht wäre es ja sinnvoll gewesen, zu Fragen, was sich in den knapp zehn Jahren an der Welt und dem Weltbild so sehr geändert hat, dass man die Fächer heute nicht mehr braucht. [zurück]
28. Februar 2007
Alltag

Manchmal treffen Ereignisse auf eine Weise zusammen, die man ironisch nennen könnte: Während der Bundesgerichtshof im Fall Cicero zu Gunsten der Pressefreiheit entschied, wird im Netz über einen Beitrag der Magazinsendung Panorama diskutiert, dessen journalistische Qualität nur mit miserabel zu bezeichnen ist.

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6. Februar 2007
Alltag

Der Bahnsteig ist voll im Berufsverkehr. Nur ein Kreis in der Mitte des Bahnsteigs ist leer. Zehn Meter vielleicht, der Radius des Kreises, in dessen Mitte ein Mann sitzt, mit einem Bein und einer Prothese. Ein Alurohr, vielleicht vier Zentimeter im Durchmesser, stützt seinen Oberschenkel, wenn er steht. Jetzt sitzt er auf der Bank mit einer Weinflasche in der linken Hand. Rotwein mit Drehverschluss, um das Klischee zu erfüllen. Die Menschen halten Abstand – auch, um nicht antworten zu müssen, auf den Vortrag des Mannes mit der Prothese und der Weinflasche in der Hand. Locken hat er, blonde Locken auf hoher Stirn. Dreißig ist er, vielleicht auch vierzig.

»Kennen Sie den Fuchspanzer? Nein? Na gut, es kann nicht jeder bei der Bundeswehr gewesen sein. Und ich kann es auch niemandem verdenken, bei all’ dem, was ich der Bundeswehr zu verdanken habe.«
Mit klaren Worten, deutlich, überdeutlich artikulierten Buchstaben redet er und hebt sein Bein, seinen Oberschenkel, an dem die Prothese hängt.

»Nicht jeder kann einen Bonker haben, nicht jeder sitzt unter drei Metern Stahlbeton in der Mitte Berlins. — Ja, ich kann doch auch nichts dafür, dass Deutschland keinen Flugzeugträger hat. — Aber Blausäure habe ich nicht und brauche ich nicht. Das hat sich geändert, bei der Bundeswehr. Ich will mich nicht umbringen.« — Und hebt sein Bein und trinkt aus der Flasche und nimmt sich eine Zigarette, die ihm von jemandem hingehalten wird. »Das ist goldig« sagt er zu dem Zigarettenspender.

»Sie waren nicht bei der Bundeswehr, sie haben verweigert, Zivildienst gemacht, ich weiß, da lernt man das mit den Zigaretten, zumindest wird man so erzogen. — Wenn ich der Führer wär’, ich wär’ keine Nazisau, aber so ‘nen Bonker, so drei Meter Stahlbeton, das wäre was.« Und hebt das Alurohr, vier Zentimeter vielleicht im Durchmesser, das seinen linken Oberschenkel stützt, wenn er steht, doch er sitzt, mit der Flasche Rotwein in der linken Hand, und dem Schraubverschluss.

»Sie wollen mir nicht zuhören, aber sie müssen.« Er lacht, blickt zur Anzeigetafel »zwei Minuten noch, dann kommt die U-Bahn. Zwei Minuten, in denen ich Ihnen erklären könnte, warum Deutschland keinen Flugzeugträger hat, oder warum Stahlbeton so gut ist und warum der Führer eine Nazisau war oder was der Fuchspanzer ist und was ich der Bundeswehr zu verdanken habe.« Er hebt die Flasche, prostet in Richtung Gleis, blickt sich um und sieht die U-Bahn kommen.
»Sie ist zu früh, sie können einsteigen und müssen nicht mehr hören, warum …« Die U-Bahn steht, öffnet die Türen, die Leute bewegen sich und seine Stimme geht im allgemeinen Gemurmel und Rascheln unter. Die Türen schließen sich, die U-Bahn fährt los und der Bahnsteig ist leer — auch im Berufsverkehr. Nur ein Mann sitzt noch dort, mit einer Weinflasche, mit Drehverschluss.

Die Leute haben den Bahnsteig verlassen, müssen keinen Abstand wie im Theater mehr halten. Wie im Theater fühlt sich der Zuschauer auf der Bühne nicht wohl. Der Berufsverkehr gab ihm eine Bühne. Jetzt sitzt er für ein paar Minuten alleine, dann werden sie sich wieder sammeln, wieder Abstand halten, so tun, als ob sie ihn nicht hörten und dabei auf jede Silbe lauschen. Vielleicht gibt es wieder jemandem, der ihm eine Zigarette gibt und wenn der Pendelnde des Berufsverkehrs zu Hause ist, dann wird er sich vielleicht daran erinnert haben, an den Bonker, die drei Meter Stahlbeton und die Blausäure und kurz ins Netz gucken, einen kurzen Film sehen, an den Bahnsteig denken, vielleicht sich fragen: War es Kabarett? Nein, das wäre zynisch … wobei doch der Mann mit der Flasche, der war zynisch, auf seiner Bühne, am U-Bahnsteig.

27. Januar 2007
Alltag

Einer dieser Tage, die neben der Heizung mit dem Blick nach draußen beginnen. Wenn Øyes und Bøes Stimmen den Kaffee begleiten, wenn der Schnee in der Stadt ist und die harten Konturen unter dem weißen Mantel verschwinden, wenn der Wind die Flocken tanzen und die Menschen ihre Köpfe zwischen die Schultern ziehen lässt, dann erscheint sie mir friedlich, die Stadt. Momentaufnahme.

Manchmal erscheint die Stadt friedlich, das Leben einfach und die Welt unkompliziert. Augenblick ohne Zweifel; und fast zwangsläufig fällt der Gedanke wieder auf ein Sprüchlein, mit dem ich mich vor kurzem auseinandergesetzt habe: »So ist das Leben: Die Klugen sind stets voller Zweifel und die Dummen sind sich stets so sicher.«

Vielleicht ist dieser Moment dümmlich, vielleicht ist er trivial, vielleicht lasse ich mich vom Wetter hinreißen denke ich und denke doch gleichzeitig an meine damalige Antwort: »Der Zweifel macht das Denken, und die Gewissheit ist dem Denken wohlverdiente Pause.«

Nur, was ist schon gewiss in diesem Augenblick? Es ist nicht Gewissheit, sondern ein Blick, der das Interesse an den Details verloren hat, die Details nicht mehr sieht. So, wie die Stadt unter der Decke aus Schnee ihre Details verloren hat. Natürlich kann man graben, den Außenspiegel des Autos wieder freilegen. Nur, warum sollte man das im Moment tun, denke ich mir, sind doch ganz schön, die eingeschneiten Autos.

»Der Teufel steckt im Detail« sagt eine Redewendung und in freier Wendung könnte man zu dem Schluss kommen, dass eine Welt ohne Details vielleicht ohne Teufel wäre. Klar, dieser Gedanke ist Schwachsinn. Aber trotzdem frage ich mich, ob die Sehnsucht nach weißer Weihnacht so groß ist, weil wir sie nicht sehen wollen, die Details, an Weihnachten.

Friedlich ist die eingeschneite Welt; und doch ist es eigentlich nur das eine, das mir gerade fehlt: Die Not, die Spannung und ihre verwundbare Stelle zu suchen. Vielleicht müssen dazu erst wieder die Details in den Straßen sichtbar werden, wenn es Frühling wird, wenn die Schneedecke schmilzt, wenn die Natur wieder zum Leben erwacht. Ja, im Winter, da ist es ruhig, das Leben ruht und vielleicht ist der Moment gar nicht dümmlich, sondern nur eine Pause vom Leben, die das Leben lebenswert macht?

Pause …

… bis die Musik aus und die Kaffeetasse leer ist und die Details wieder sichtbar werden und der Gedanke wieder in den Zweifel und die Not des Geistes fällt:

»(…) wir haben sie noch, die ganze Not des Geistes und die ganze Spannung seines Bogens! Und vielleicht auch den Pfeil, die Aufgabe, wer weiß? das Ziel… «[1]

Anmerkung zu den Bildern
Die Bilder sind von Quasimodo und unterstehen einer Creative-Commons-Lizenz.


  1. F. Nietzsche: Vorwort zu: Jenseits von Gut und Böse. [zurück]
17. Januar 2007
Alltag

Dass ihr Betriebssystem zumindest im Vergleich zu Microsofts Windows gut ist, ist kein Geheimnis. (Auch wenn Jacob Appelbaum das von Apple angebotene Dateiverschlüsselungsverfahren treffender Weise als »File F(v)ault« bezeichnet.)

Dass Apples Rechner gut sind, ist auch kein Geheimnis. - Auch nicht, dass sie überteuert sind.

Dass der iPod zum Mainstream-Chic gehört, ist auch kein Geheimnis.

Nun, und dann ist da noch der iTunes-Store. Großes Angebot, und herrausragend schlechte Klangqualität der zum Download angebotenen Dateien. Klar, auf dem iPod hört man die schlechte Qualität eh nicht, aber als ich heute morgen auf der Suche nach einer verloren gegangenen Mail in meinem Spamordner auf die »iTunes der Woche« gestoßen bin, dachte ich nur: Nee, oder. Das ist jetzt einfach nicht wahr …

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