Hinterwelt.net

1. Februar 2007
Film

Über den Film »Nach der Hochzeit«

Warum entwickeln Filme Intensität? Manchmal ist es die geniale Montage, manchmal ein unglaubliches Drehbuch, dann wieder ein Regisseur, dessen Handschrift man noch in jedem Gesichtszug der Schauspieler zu finden glaubt. – Natürlich ist das Geheimnis eines guten, intensiven, in Erinnerung bleibenden Films meistens ein geglücktes Zusammenspiel, all‘ der Komponenten, die einen Film eben ausmachen. Doch manchmal, manchmal ist ein Film intensiv, weil dort, im Film, auf der Leinwand ein Charakter zu sehen ist, der sich in die Erinnerung einbrennt.

Jacob ist ein solcher Charakter. Der Film »Nach der Hochzeit« beginnt in Indien, zeigt Erwachsene, die versuchen Kinder in einem Armenviertel zumindest mit dem Notwendigesten zu versorgen.
Jacob, ein Mensch, mit einem Gesicht, das älter ist, als er selbst. Er ist alleine, scheint allen Menschen verschlossen, bis auf die Kinder, die er in einem Waisenhaus betreut.

Wie Jacob nach Indien gekommen ist, wissen wir nicht, wir kennen seine Vergangenheit nicht und er scheint sich auch nicht nach seiner Vergangenheit zu fragen, bis er …
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27. Januar 2007
Angedacht

Einer dieser Tage, die neben der Heizung mit dem Blick nach draußen beginnen. Wenn Øyes und Bøes Stimmen den Kaffee begleiten, wenn der Schnee in der Stadt ist und die harten Konturen unter dem weißen Mantel verschwinden, wenn der Wind die Flocken tanzen und die Menschen ihre Köpfe zwischen die Schultern ziehen lässt, dann erscheint sie mir friedlich, die Stadt. Momentaufnahme.

Manchmal erscheint die Stadt friedlich, das Leben einfach und die Welt unkompliziert. Augenblick ohne Zweifel; und fast zwangsläufig fällt der Gedanke wieder auf ein Sprüchlein, mit dem ich mich vor kurzem auseinandergesetzt habe: »So ist das Leben: Die Klugen sind stets voller Zweifel und die Dummen sind sich stets so sicher.«

Vielleicht ist dieser Moment dümmlich, vielleicht ist er trivial, vielleicht lasse ich mich vom Wetter hinreißen denke ich und denke doch gleichzeitig an meine damalige Antwort: »Der Zweifel macht das Denken, und die Gewissheit ist dem Denken wohlverdiente Pause.«

Nur, was ist schon gewiss in diesem Augenblick? Es ist nicht Gewissheit, sondern ein Blick, der das Interesse an den Details verloren hat, die Details nicht mehr sieht. So, wie die Stadt unter der Decke aus Schnee ihre Details verloren hat. Natürlich kann man graben, den Außenspiegel des Autos wieder freilegen. Nur, warum sollte man das im Moment tun, denke ich mir, sind doch ganz schön, die eingeschneiten Autos.

»Der Teufel steckt im Detail« sagt eine Redewendung und in freier Wendung könnte man zu dem Schluss kommen, dass eine Welt ohne Details vielleicht ohne Teufel wäre. Klar, dieser Gedanke ist Schwachsinn. Aber trotzdem frage ich mich, ob die Sehnsucht nach weißer Weihnacht so groß ist, weil wir sie nicht sehen wollen, die Details, an Weihnachten.

Friedlich ist die eingeschneite Welt; und doch ist es eigentlich nur das eine, das mir gerade fehlt: Die Not, die Spannung und ihre verwundbare Stelle zu suchen. Vielleicht müssen dazu erst wieder die Details in den Straßen sichtbar werden, wenn es Frühling wird, wenn die Schneedecke schmilzt, wenn die Natur wieder zum Leben erwacht. Ja, im Winter, da ist es ruhig, das Leben ruht und vielleicht ist der Moment gar nicht dümmlich, sondern nur eine Pause vom Leben, die das Leben lebenswert macht?

Pause …

… bis die Musik aus und die Kaffeetasse leer ist und die Details wieder sichtbar werden und der Gedanke wieder in den Zweifel und die Not des Geistes fällt:

»(…) wir haben sie noch, die ganze Not des Geistes und die ganze Spannung seines Bogens! Und vielleicht auch den Pfeil, die Aufgabe, wer weiß? das Ziel… « ((F. Nietzsche: Vorwort zu: Jenseits von Gut und Böse.))

Anmerkung zu den Bildern
Die Bilder sind von Quasimodo und unterstehen einer Creative-Commons-Lizenz.

23. Januar 2007
Fundstücke

Aufklärung [darf] nicht bloß als ein die ganze Menschheit berührender allgemeiner Prozeß gesehen werden, sie darf nicht allein als eine den Individuen vorgeschriebene Verpflichtung gesehen werden: sie erscheint nun als politisches Problem.

Michel Foucault: Was ist Aufklärung.

Wir fahren siebzig, den Altstadtring entlang, zur Isar, unter den Straßenlaternen, die beleuchtete Kirche vor uns liegend. Er sitzt vorne, ist über sechzig, hat mich nur beim Einsteigen kurz angesehen und fährt jetzt, mit dem Blick auf der Straße und den Gedanken irgendwo auf der Innenseite. Wie ich. Wir, er und ich, in einem neuen Benz. Er fährt ihn wie einen alten. Langsam in der Beschleunigung, hoch in der Endgeschwindigkeit gleiten wir über die Straßen, ihre Schwellen, unter den Straßenlaternen und den Ampeln der Kreuzungen hindurch. Nachtfahrt. Im Regen an der Isar entlang. Die kühle Fensterscheibe auf der Stirn. Ich bin betrunken, ein bisschen und will nicht nach Hause. »Können wir nochmal um den Altstadtring fahren?« Er nickt und biegt rechts ab, zum Goetheplatz.

Ein schöner Abend. Ein sehr schöner sogar. Sie ist schön, vielleicht deswegen. Warum sollte er sonst schön gewesen sein? Bier. Dann haben wir gegessen. Dann wieder Bier. Sie wollte einen Joint rauchen, ich nicht und wir haben einen Joint geraucht. Sie wollte tanzen gehen, ich nicht und wir sind tanzen gegangen. Sie wollte in die Registratur, ich nicht, ja, wir sind registrieren gegangen. Zwei Taxifahrten, sieben Bier und drei Joints später bin ich wieder im Taxi, wieder unterwegs, jetzt ohne sie. Sie wollte nach Hause, ich nicht. Sie ist gegangen, ich bin geblieben, habe noch ein Bier getrunken und mich erst dann in ein Taxi gesetzt. Der Geldbeutel war voll, jetzt ist er leer. Ich bin voll und fühle mich leer. Wir haben ein jämmerliches Bild abgegeben. Wie zwei Verliebte standen wir, ich mit dem Rücken zur Wand, sie vor mir, ein bisschen zu nahe. So standen wir, sahen uns an, prosteten uns zu, lächelten und manchmal lachten wir auch. Nur gesagt haben wir nichts. Klar, die Musik war eh zu laut. Stille. So ist das, wenn man sich nichts zu sagen hat, obwohl man sich ein Jahr lang nicht gesehen hat. Ein Verlegenheitsbier nach dem anderen. Und noch eins. Ein Falsches. Immerhin haben wir zusammen gelacht. Auch ohne Grund. Nach außen macht das keinen Unterschied. Ob gute Unterhaltung oder peinliches Verlegenheitslachen sieht aus der Entfernung gleich aus. Also haben wir gelacht und uns gut dabei gefühlt. Sie ist schön, wenn sie lacht. Ich nicht. Ich kann ein Lachen nicht vortäuschen, sonst wäre ich Schauspieler geworden, wie sie.

Hätte ich ein Mobiltelefon, dann würde es jetzt blinken oder in meiner Hose vibrieren. Sie hätte geschrieben: »Gute Nacht & Schöne Träume.« So sitzt sie zu Hause und denkt sich vielleicht: »Was für ein Scheißabend« und geht schlafen.

Der Mann von vorne: »Wir sind jetzt da. Ich bin dann doch nicht mehr um den Altstadtring gefahren. Sie sind eingeschlafen. – Das macht dann zwölf siebzig.«
Jetzt ist der Geldbeutel leer, das Konto auch und es ist noch nichtmal Mitte des Monats.
»Noch eine gute Nacht Ihnen.«
»Danke, Ihnen auch und erholen sie sich gut.«
Ich bin also fertig, steige aus, klopfe nochmal kurz aufs Dach, wie das Soldaten bei Panzern tun und gehe zur Haustür. Es regnet immer noch, der nasse Handrücken will nicht in die Hosentasche, dann habe ich den Schlüssel doch in der Hand und öffne die Türe, stiefel die Treppe nach oben und öffne die Wohnungstüre, schließe sie, gehe drei Schritte geradeaus, dann links, ins Bad, öffne den Gürtel, die Hosenknöpfe, ziehe die Hose nach unten, setzte mich auf die Klobrille, lasse den Schwanz in die Schüssel baumeln und schlafe ein.

17. Januar 2007
Alltag

Dass ihr Betriebssystem zumindest im Vergleich zu Microsofts Windows gut ist, ist kein Geheimnis. (Auch wenn Jacob Appelbaum das von Apple angebotene Dateiverschlüsselungsverfahren treffender Weise als »File F(v)ault« bezeichnet.)

Dass Apples Rechner gut sind, ist auch kein Geheimnis. – Auch nicht, dass sie überteuert sind.

Dass der iPod zum Mainstream-Chic gehört, ist auch kein Geheimnis.

Nun, und dann ist da noch der iTunes-Store. Großes Angebot, und herrausragend schlechte Klangqualität der zum Download angebotenen Dateien. Klar, auf dem iPod hört man die schlechte Qualität eh nicht, aber als ich heute morgen auf der Suche nach einer verloren gegangenen Mail in meinem Spamordner auf die »iTunes der Woche« gestoßen bin, dachte ich nur: Nee, oder. Das ist jetzt einfach nicht wahr …

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16. Januar 2007
Film

Manchmal ändert sich mit der Perspektive die Welt. Natürlich, will man sagen, ändert sich »eigentlich« nicht die Welt. Was sich ändert, ist nur das, was man von dieser gleich bleibenden Welt sieht. – So weit scheint das offensichtlich, allgemein bekannt und wohl auch akzeptiert. ((Auf dem Blog Metalust & Subdiskurse ist in der Folge eines Eintrags zu Bild & Text eine Diskussion zu der Frage entstanden, ob man Bilanzen unter ästhetischen Gesichtspunkten betrachten kann. Eine solche Betrachtung entspräche einem Perspektivwechsel. Ein Wechsel der Perspektive allerdings, bei dem nicht so klar ist, welchen Gewinn er bringen mag. Mit der Reihe »Perspektivwechsel« möchte ich versuchen einige Perspektivwechsel ein wenig zu erläutern, – auch um mir selbst ein etwas klareres Bild von den Grundlagen eines Perspektivwechsels im Fall von »Ästhetik & Bilanzen« zu schaffen.))

Was aber, wenn sich das, was wir von dieser Welt sehen und wie wir über die Welt denken durch den Wechsel einer Perspektive so weit verändert, dass wir vielleicht nicht mehr sicher sind, ob die Welt wirklich so ist, wie sie ist?

Ein schönes Beispiel für einen Perspektivwechsel ist in Alejandro González Iñárritus Film Babel zu sehen. In einem seiner vier Erzählstränge gibt der Film eine unterschwellige und treffende Kritik an der Verwendung des Begriffs »Terrorismus«.
Der Film zeigt nicht, dass der Terrorismus eigentlich so ist – oder vielleicht doch so. Stattdessen zeigt er einen sich aus dem Film scheinbar von ganz alleine ergebenden Perspektivwechsel, der die Sicherheit über den Begriff »Terrorismus« erschüttert.

Ein unglücklicher Zufall lässt den von zwei kleinen marokkanischen Jungen abgegebenen Gewehrschuss zum terroristischen Akt werden. Tatsächlich gleicht die Einordnung des Gewehrschusses als terroristischer Akt dem Versuch das Unerklärbare erklärbar zu machen. Drei Parteien und damit auch drei (fast) von einander unabhängige Perspektiven zeigt der Film:

Die erste Perspektive ist die der beiden Jungen, die in kindlichem Leichtsinn auf einen Reisebus schießen, um das neue Gewehr ihres Vaters zu testen, das angeblich auf 3000 Meter genau trifft.

Die zweite ist die der getroffenen Frau und ihres Ehemannes. Ihnen ist es gleich, wer es war und warum dieser Schuss abgegeben wurde. Ihr einziges Interesse liegt im Überleben der (fast) tödlichen Verletzung.

Die dritte Perspektive ist die der Weltpolitik. In einer Sichtweise, die alles als Wirkung sieht und daher konsequent nach Ursachen sucht, ist kein Platz für den Zufall und es ›muss‹ ein Erklärungsmuster für diesen Zwischenfall geben. Der Begriff des Terrorismus erlaubt eine Einordnung und damit eine Reaktion und Handlung.

»Versuche nie durch Konspiration zu erklären, was auf Chaos oder Inkompetenz zurückgeführt werden muss.« ((Josef Joffe im Tagesspiegel am 6. März 2006))

Der im Film durch die Montage hervorragend inszenierte Perspektivwechsel illustriert, wie die Suche nach ›Erklärung‹ begriffliche Konstruktionen über Ereignisse stülpt stülpen kann, um die Welt wieder begreifbar zu machen. Im Fall des Films ist der Begriff, der eine Erklärung möglich macht der »Terrorismus« und die Annahme einer (bösartigen) Motivation, wo doch die Ereignisse durch bloßen Zufall entstanden sind.

Der Perspektivwechsel, der im Film vollzogen und für den Zuschauer nachvollziehbar gemacht wird, geht weg von dem Bild der Wirklichkeit, das in den (Welt)Nachrichten präsentiert wird und geht hin zu den kleinen, für den Lauf der Welt (fast) unbedeutenden Ereignissen und zeigt auf diese Weise eine Welt des »Terrorismus«, in der kein Terrorismus ist.

Wie oft, so scheint der Film zu fragen, erklären wir Ereignisse, die nicht Wirkung einer Ursache sind? – Wie oft (v)erklären wir den Zufall zu einem geordneten Muster? Die Frage bleibt unbeantwortet; sie muss unbeantwortet bleiben und hinterlässt doch eine Verunsicherung, eine Unwägbarkeit in der Erklärung, die wir für die Welt haben.

post scriptum
Zugegeben: Beim Begriff des »Terrorismus« ist die Verunsicherung durch einen Perspektivwechsel einfach. Zum einen, weil »Terrorismus« ein inflationär gebrauchtes Wort ist. Zum anderen, weil es ein Begriff ist, der durch die Unschärfe seiner Definition ((siehe hierzu auch Das Parlament, Nr. 36, 2006)) wohl dazu verleitet, als Erklärungsmuster für sehr vieles missbraucht zu werden.
Was aber (für mich spannend) bleibt, ist der Beispielcharakter des in »Babel« vorgeführten Perspektivwechsels.

12. Januar 2007
Anderswo,Bild

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Fünf Photographien von Hughes Leglise-Bataille. Common Rights - Some Rights Reserved

Dialog im Morgengrauen:

»Ich finde der Text ist äußerst unklar. Zumindest wird er gegen Ende immer unklarer.«

»Nee, das faszinierende an diesem Text ist doch, dass man bei wiederholtem Lesen immer mehr finden kann. Auf den ersten Blick ließt er sich wie ein Zeitschriftenartikel; bei genauerem Blick hat dieser Text aber in eine Tiefe, die schon fast beängstigend ist.«

»Hm, wenn der Text so weit in die Tiefe geht, wie sieht das da dann aus? – Ich war da noch nie; wird es da unten dann ganz Dunkel oder wie muss ich mir das vorstellen?«

Sich verselbstständigende Metaphern … Man kann sie nicht nur in der Alltagssprache finden. So ist es beispielsweise befremdlich, wie unpassend die Metapher des Hirten für den Priester ist – zumal, wenn er ein Vogel ist.

post scriptum
Im Dialog ging es um Kants »Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung.«

11. Januar 2007
Fundstücke

Man lacht, und man denkt, und man weint. Weil die wahrste Wahrheit immer scherzhaft und schmerzhaft sein muss.

Walter Rothschild über Dani Levys aktuellen Film in der taz.

9. Januar 2007
Fundstücke

»Nichtsein« nenne ich den Anfang von Himmel und Erde.
»Sein« nenne ich die Mutter der Einzelwesen.
Lao-Tse (via steffino)

… schön, das mal in diese Richtung zu lesen …

Es ist also nochmals ein Video aufgetaucht, hat heute morgen der Nachrichtensprecher von Deutschlandfunk erzählt. Ein Video? Noch eins? Und was für eins? – Naja, von Saddam eben. Diesmal sieht man ihn als Leiche (oder sagt man »seine Leiche«?). Es war natürlich nur eine sehr kurze Frage der Zeit, bis auch das wieder zu sehen war. Ich hab’s nicht gesehen, aber »Politically Incorrect« zeigt es, sagen sie. Ich frage mich jetzt, ob sie das Video ihres Namens oder der Klicks wegen zeigen … aber diese Diskussion gab gibt es an anderer Stelle ohnehin schon.

Video hin, Video her. — Uninteressant. Denn erstens interessieren mich die Videos nicht, zweitens will ich sie nicht sehen und drittens … Doch da ist noch was, was meine Neugier weckt — nicht an den Videos, sondern ihrer Rezeption:

»Alle Gerüchte, dass Saddam nach dem Ende des offiziellen Staatsvideos den Strick abnahm und mit seinen Henkerschauspielern Kaffee trinken ging, sind mit dem Handyfilm hinfällig.« — schreibt schrieb der D-Funk. Aber war da nicht mal was mit Doppelgängern? Nicht erst seit 2002 oder 2003, sondern schon lange davor. So lange her, dass man im Netz noch gar nichts ‚zu findet.

Als Bush sen. damals anno 90/91 gen Irak zog, um Kuwait zu befreien und ich als Bengel fasziniert den ersten für’s Fernsehen aufbereiteten Krieg konsumierte, diskutierten die einen über die beste Kriegsstrategie bei Stammtisch und Familientreffen, die anderen vor allem über die große Zahl der Doubles, die Saddam gehabt haben soll.

Wer weiß, vielleicht ist es ja gar nicht Saddam gewesen, der da hing, der da vor Gericht stand, der da in dem Erdloch saß. — Unwahrscheinlich ist es wohl, aber trotzdem sollte man sie vielleicht einmal erwähnen, diese Doubles, denn irgendwo müssten sie ja eigentlich noch sein, oder? — Und für alle, die’s nicht glauben wollen: Die Existenz von solchen Doubles konnte man sogar beweisen.

8. Januar 2007
Angedacht

Ja, die Goldene Regel. Wenn wir alle so und danach lebten, dann … vielleicht wäre dann ja wirklich alles besser. Und dabei ist sie doch schon so alt. Hin und wieder wurde sie ergänzt und was bleibt ist ein goldenes Mischmasch, das wir den Kindern im Religions- oder Ethikunterricht vermitteln – auf das sie alle gute Menschen werden. (Dabei sollte doch bekannt sein, dass die zehn Gebote ein ganz schlechtes Verhältnis zu Gold haben. Wie war das noch gleich, als Moses vom Berg kam, mit diesem Kalb, das ihn erzürnte und er gleich nochmal los musste, um die zweite Ausgabe der Steintafeln holen …)

Auch Ede Wolf Stoiber hat seine Lektion im Religionsunterricht gelernt und sagt gleich frohen Mutes, dass die Nächstenliebe sein wichtigstes Gebot der zehn sei. Es ist nur eine am Rande störende Feinheit, dass die Nächstenliebe gar nicht Teil der zehn Gebote ist, wenn der als Wolf verkannte sich endlich als Schaf zu erkennen gibt. Vielleicht ja auch, weil der in den eigenen Reihen zur Zeit so ungeliebte Ministerpräsident mit seinem Bekenntnis zur Nächstenliebe sich wohl auch ein bisschen Liebe seiner Nächsten für sich selbst erhofft.

Doch die Frevler schreiten noch viel weiter. … weiter »

6. Januar 2007
Angedacht

Vorgestern hatte ich in Second Life ein faszinierendes und gleichzeitig verstörendes Erlebnis: Ich habe zum ersten Mal in einem virtuellen Club als DJ aufgelegt. – Ein paar Gedanken über die Grenzverschiebungen zwischen »Echt« und »Unecht«, von denen ich nicht weiß, ob ich sie lieben oder fürchten soll.

Vorgestern habe ich also in diesem Club aufgelegt. Der Zufall will es, dass auch vorgestern die Zeit über Second Life geschrieben hat. Heute schreibt die Berliner Zeitung (Leider nicht mehr online verfügbar), vor ein paar Wochen der Spiegel und hier im Netz ist ohnehin alles voller zweitem Leben. Ohne gleich eine Debatte über die Qualität des deutschen Qualitätsjournalismus eröffnen zu wollen, ist die Ähnlichkeit der fraglichen Artikel schon beachtenswert. Das Unerhörte und deshalb Erwähnenswerte ist für diese Zeitungsartikel, dass man mit Second Life Geld verdienen kann. Die Zeit steckte ihren Artikel auch gleich passend in den Wirtschaftsteil und stellt die finanziell erfolgreiche Anshe Chung in der Weise vor, wie sonst neue Unternehmensspitzen vorgestellt werden. – Die Berliner Zeitung packt ihren Artikel dagegen ins Feuilleton und verspricht Interessantes: »Nirgends werden die Möglichkeiten und Probleme des Internets deutlicher als bei Second Life«. Tatsächlich verspricht der Artikel viel und hält nichts davon, denn … weiter »

6. Dezember 2006
Film

In der Welt rund um das Kino herum gibt es ein paar Running Gags. Einer ist die Frage, ob Martin Scorsese nun endlich den Oscar bekommt. Morgen läuft sein läuft sein neuer Film an. Departed – unter Feinden ist ein Remake des HongKong-Thrillers Infernal Affairs.

[audio:http://hinterwelt.net/wp-content/uploads/2006/departed_lang_lo.mp3]
27. November 2006
Fundstücke

Es ist eine Feinheit, dass Gott griechisch lernte, als er Schriftsteller werden wollte – und dass er es nicht besser lernte.

Friedrich Nietzsche

3. November 2006
Alltag

Eigenartiger Tag. Monolog. Eigentlich waren es schon einige eigenartige Tage. Über Nacht kam der Winter und er kam so plötzlich, wie der Sommer kurz vor der WM. Mittwoch Morgen war es, als draußen der erste Winterwind durch die Straßen zog. Den Kopf zwischen die Schultern gezogen, früh morgens.

Heute liegt Schnee auf den Dächern. Und auch wenn er nicht lange liegen bleibt, auch wenn es vielleicht nächste Woche schon wieder Herbst und nicht mehr Winter ist, der Moment ist der des Winters. Am kalten Fenster und neben der warmen Heizung zu sitzen, am Schreibtisch aus dem Fenster gucken. Nicht mehr zu gucken, ob der Himmel noch da ist, sondern verloren die nackten Bäume und den Schnee, dahinter, auf den Dächern zu sehen. Vielleicht eine Tasse Kaffee oder doch eine Kanne Tee?

Wenn Kino zur Fiktion geworden ist, die uns die Realität bestätigt, denke ich mir, dann ist es jetzt Zeit geworden, einmal wieder Kino zu machen. Nicht aber einen Film zu drehen, nein, stattdessen die richtige Klangtapete zu suchen, dem Moment die klangliche Untermalung zu geben, die ihm gerecht wird, die er sich verdient hat.

Mono

Fast zufällig ist der Blick auf Consoles letztes Album »Mono« gefallen, beiläufig, im Vorübergehen, auf dem Weg in die Küche. Ein Album, das gelobt wurde. Mir war es zu ruhig, zu fern. Intim sagten sie. Und ich denke mir heute, dass »Mono« wenigstens in Gedanken mit »log« ergänzt werden sollte. Monolog ist der Moment. Der Film: Moment der Intimität? Moment, den man nicht teilen möchte? Vielleicht, weil er zu bescheiden ist, zu wenig prachtvoll und zu wenig pointiert, zu wenig abgeschlossen und auch zu still, um tauglich zu sein, für’s Kino. Dennoch eine Fiktion, die die Realität bestätigt, denke ich und frage mich zugleich: Wie beschreibt man ein solches Album? Ist ein Lied wie »Hibernating« nicht sehr nah am Sound von Boards of Canada? Und wie weit ist es von »Formicula« zu Dictaphone? Und »Starpower«, ja, es ist unglaublich, aber da ist tatsächlich der Sound von Bowery Electric. Und …

Die Sonne scheint. Wintersonne. Intim sagten sie. Und ich frage mich, was ist das für ein Moment, den man nicht teilen möchte, weil er zu klein ist, zu klein selbst für den vielbeschworenen gegenwärtig neuen deutschen Film, der sich doch endlich auf den Alltag beschränkt und dadurch gewinnt? Vielleicht wird es ihn einmal geben, den Film, der sich auf einen Morgen beschränkt, auf einen Moment, flüchtig und ohne Bedeutung; wenn es einmal Film geben sollte, der so flüchtig ist, wie das Licht, das ihn auf die Leinwand wirft, dann, erst dann werde ich solche Alben vielleicht nicht mehr brauchen. Solange das aber nicht passiert, bleibt der Schnee auf dem Dach, der Wind in den Straßen, die Wintersonne ohne Wärme dafür mit Licht am Himmel, und solange höre ich »Hibernating«, wenn der Winter plötzlich da ist und es Morgen ist und nicht Tag und wenn ich den eigenen kleinen Film, die kleine Fiktion suche, die die Realität ihrer Bedeutung beraubt.

Ende des Monologs. — Es beginnt wieder zu schneien.

2. November 2006
Fundstücke

Das Leben ist doch eh super.

Oliver Welter von (naked launch)

28. September 2006
Fundstücke

Es wäre uns lieber, wir hätten unseren Nachbarn, den Würstchenbudenbesitzer im Ruhestand, nie gekannt, als zu erfahren, dass er gerade die größte Dichtung seiner Zeit hervorgebracht hat.

V. Nabokov: Lolita.

16. September 2006
Angedacht

Gestern Abend: Glauben tun wir alle, die einen an das eine, die anderen ans andere, so scheint’s zumindest, scheint es mir.
Gestern Abend also über Glauben … Haben wir diskutiert? Nein, diskutiert haben wir nicht, vielmehr uns gegenseitig unserer Sympathie versichert. Weichspülgang, sich beweihräuchern und in der Gruppe gegenseitig selbst bestätigen. Kontrastprogramm, nicht nur zu Richard Dawkins Versuchen (gefunden via philoblog und mario sixtus) in zwei 45minütern im Fernsehen zu zeigen, was schon zu viele versucht haben. Er wollte in „The Root of All Evil?“ (hier erster Teil, zweiter Teil Leider sind die beiden Folgen auf video.google.com und youtube.com nicht mehr vorhanden.) zeigen, weshalb der Glaube nicht gut, vielleicht besser: dumm ist. Etwas dümmlich, fast naiv erschien mir aber vor allem seine Argumentation. Weshalb?

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10. September 2006
Fundstücke

So gehen die Menschen dahin; sie haben wirklich ihre liebe Mühe damit, zu tun, was man von ihnen verlangt: In der Jugend ein Schmetterling sein, am Ende eine Made.

L.-F. Céline: Reise ans Ende der Nacht.

9. September 2006
Angedacht

Der Papst ist in der Stadt. Oder vielmehr: Er kommt heute in die Stadt. Vielleicht ist er schon gelandet, vielleicht als Vogel noch in der Luft, – wohin ihn ja auch der Glaube trägt. Zumindest hat das der Hirte der Hirten, als er nur ein Hirte mit weniger Hirten unter sich war … Als er noch Joseph Ratzinger und Kardinal und fehlbar war, da sagte er in einem Fernsehinterview, der Glaube gäbe ihm das Gefühl ein Vöglein zu sein. »Hoch hinaus, in die Lüfte« sagte er. In der Luft ist er wohl noch. Bald wird er landen, dann nicht mehr als Vogel, sondern als Hirte.

das ist der Hirte der HirtenSoll man den Hirten wörtlich oder als Metapher nehmen? Jedenfalls frage ich mich, ob es eigentlich Hirten auf dem Land gibt, die sich organisieren und Hierarchien bilden? Und ich frage mich, ob Schäflein nicht durcheinander kommen, wenn plötzlich so viele Hirten vorhanden sind, die sie behüten wollen?

Wie auch immer — vielleicht ist der Oberhirte schon gelandet. Vielleicht ist der Verkehr schon zum Erliegen gekommen, weil die Schäflein über die Straße müssen. Alles ganz wie auf dem Land. Wenn wir schon bei Schafen sind, ist es auch nicht mehr so weit zum Wolf im Schafspelz, denn unter den Schafen, da könnte auch immer ein Wolf sein. Vielleicht gar einer, der Kreide gefressen hat. Und auch für den Hirten gibt es eine Verwandlung: Dann, wenn der Hirte in seinem Mobil durch die Herde fährt und alle Schäflein ganz durcheinander bringt, dann verfehlt der Hirte nicht nur seine Aufgabe, die Herde zu leiten, sondern er ist dann auch wieder zum Vogel geworden. Diesmal nicht hoch hinaus, in die Lüfte, sondern eher im Käfig:
Ein zartes Vöglein will beschützt sein.

Und manchmal, manchmal muss anscheinend auch die Stadt vor den Schafen und ihren Hirten beschützt werden. Zumindest lässt das die Bekanntgabe der Bayerischen Staatsbibliothek vermuten:

»Am Samstag, den 9. September 2006 muß die Bibliothek wegen des Papstbesuches aus Sicherheitsgründen ganztägig geschlossen bleiben.«

post scriptum
Nett, daß eine alte und ehrwürdige Institution, wie die Bayerische Staatsbibliothek trotz aller staatlichen Weisung einfach bei der alten Rechtschreibung bleibt. Zumindest schreiben sie »muß«, wie ich hier »daß« geschrieben habe. — Vielleicht eine Form ziviler Ungehorsamkeit?

1. September 2006
Alltag

Wenn auf einer Abschlussfeier eines Studienjahrgangs Menschen, die nicht älter sind als ich, Menschen, die sogar eher noch jünger sind als ich … – Wenn junge Menschen zu Musik feiern, saufen, ausrasten und schließlich, als das Lied aus ist auch kotzen … – Wenn junge Menschen, Bekannte von mir zu Musik feiern, die ich aus meiner Kindheit, aus der Plattensammlung meines Vaters kenne, dann macht mich das traurig. Nicht, dass „Oldies“ schlecht wären. Wer bin ich das zu sagen. Nur die Rat- und Phantasielosigkeit, die hinter dieser Musikwahl steht, erschreckt mich. Meine Eltern sprechen immer von der Musik ihrer Jugend. Für mich ist diese Musik die Musik meiner Eltern und wahrscheinlich mag ich sie deswegen so gerne. Nur, was werden all diese Menschen ihren Kindern erzählen, von der Musik ihrer Jugend? Was hätte ich als kleines Kind gedacht, wenn meine Eltern die gleiche Musik als die Musik ihrer Jugend bezeichnet hätten, wie meine Großeltern?

Als alle betrunken sind und noch mehr trinken wollen, fällt der Blick auf den einzigen, der den ganzen Abend nur Wasser getrunken hat: Ob ich noch fahren kann? Also steige ich in dieses Auto, das der Junge von seinen Eltern zum Studienabschluss bekommen hat. Ganz neu ist es und riecht auch so. Er macht sich sorgen, ob ich Autofahren kann. Ich mache mir sorgen, ob ich vielleicht so fahre, dass er in sein schönes Auto kotzt. Jedenfalls schaltet sich das Radio ein und da steht der Name eines Senders, der mir nicht gefällt. Dass er mir nicht gefällt, tut nichts zu Sache. Interessanter ist, dass dieser Sender seine Zielgruppe mit 45+ angibt. Ist ein mit wohlhabenden Eltern versorgter Jugendlicher alternativ, wenn er diesen Radiosender hört? Vielleicht aber besonders reif, seinem Alter einfach voraus? Wahrscheinlich eher letzteres.

12. Mai 2006
Film

Über den Film Tarnation

Nun, um eine lange Geschichte kurz zu machen: Verstört bin ich gerade nach Hause gekommen. Tarnation war das krasseste Kinoerlebnis, das ich in den vergangenen Jahren hatte. In einem Satz müsste man wohl sagen: Ein Dokumentarfilm gedreht (oder geschnitten) in Video-Clip-Ästhetik. Auch wenn es so was in der Kinogeschichte bisher wohl noch nicht gegeben hat, bringt dieser eine Satz „Tarnation“ doch noch in keinster Weise auf den Punkt.

Also wird die Geschichte doch länger: weiter »

2. Februar 2006
Film

Zathura möchte ein spannendes Weltraumabenteuer sein, für die ganze Familie. Die Geschichte ist einfach gestrickt: Zwei Brüder, die sich bei jeder Gelegenheit streiten, eine ältere Schwester, die für den ganzen Kinderkram irgendwie schon zu alt ist und ein Vater, der viel um die Ohren hat. Eines Nachmittags entdeckt Walter der süße der beiden Brüder in dem alten Haus des Vaters ein Spiel namens Zathura. Nachdem Walter alleine zu spielen begonnen hat, finden sich die beiden Brüder mitsammt ihrer schockgefrosteteten Schwester im Weltraum wieder. Das Abenteuer kann beginnen. Erst fliegt das Haus, das zu ihrem Raumschiff geworden ist, durch ein Meteoritenfeld, dann stoßen sie auf einen Astronauten, der ihnen im Kampf gegen die blutrünstigen Zorgonen hilft.

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10. Januar 2006
Film

Der Opern-, Theater und Filmregisseur Patrice Chereau dürfte den meisten durch seinen Film Intimacy in Erinnerung geblieben sein. Sein neuer Film Gabrielle – Liebe meines Lebens greift wieder das Thema der Liebe auf. Diesmal allerdings in einer denkbar anderen Spielart als in Intimacy.
Der Film Gabrielle – Liebe meines Lebens erzählt nach einer Vorlage Joseph Conrads die Geschichte einer scheiternden Ehe der Pariser Bourgeoisie im Jahre 1912. Gabrielle (Isabelle Huppert) und Jean (Pascal Gregory) sind seit zehn Jahren verheiratet. Glücklich verheiratet, sagt Jean. Jean ist auf der Höhe seines Lebens. Gabrielle füllt mit ihrem Charme die ihr zugedachte Rolle als Hausdame aufs Beste.

Jean ist stolz auf seine Frau. Er spricht von ihr, wie ein Sammler über das beste Stück seiner Sammlung. Dass seine Ehe kein Intimleben hat, stört ihn nicht weiter. Er hat sich daran gewöhnt. Jean hat sich so sehr an diese Ehe gewöhnt, dass ihm der Blick hinter die makellose Fassade erst wieder möglich ist, als er einen Abschiedsbrief Gabrielles findet. Sie hat ihn verlassen, sie sucht Liebe. Liebe, die sie bei Jean nicht finden kann. Und doch schafft es Gabrielle nicht ihr großbürgerliches Gefängnis zu verlassen, sie kommt wieder zurück.

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