Hinterwelt.net

26. August 2008
Anderswo

T. Albert bei shifting reality:

Wer ständig Freiheit ans Eigentum koppelt und Freiheit durch die Möglichkeit von Eigentum definiert, kommt irgendwann beim Entzug persönlicher Rechte für Nichtbesitzende an, was ja auch der Tenor gegenwärtiger antidemokratischer Diskussionen ist.

20. August 2008
Anderswo

Mawhinney
The Archive from Sean Dunne on Vimeo.

Die Bilder rund ums Vinyl wiederholen sich. Plattenläden schließen, die Sammler werden weniger. Das Sortieren der Sammlung wurde durch die Echtzeitsuche ersetzt, das Abstauben der Hüllen durch das Bereinigen der ID3-Tags. Wehmut macht sich breit, wenn selbst Paul Mawhinneys Vinylsammlung — die größte der Welt — vor dem Aus steht. Sean Dunne hat eine schöne Mini-Doku über den Sammler und seine Sammlung gedreht. (Klick aufs Bild führt zum Film.)

26. Juni 2008
Angedacht

Hundstage vielleicht. Unterschied macht es keinen, ob es dreißig oder vierzig Grad in der Sonne sind. Allein der Umstand genügt, dass es heiß ist, dass die Hitze das Licht den Verstand trübt. Gereizt das Gemüt, kann man auch sagen. Hundstage eben. (Lose Fäden, die der Alltag spinnt und die Erzählung dann zu Bettsocken strickt.)
Und in diese Hundstage tritt dann ein Abend, der mit Pizza und Bier beginnt und vor dem Hintergrundrauschen der Fahnen endet, die uns zum wiederholten Male erzählen, dass wir wieder wer sind. Die Erzählung des missverstandenen Phoenix, der aus den Trümmern entspringt. Fußballwunder sagen, Wiederaufbau denken. Die Kontinuität, die Anknüpfung, die das ›Wieder‹ ist, verschweigen – im Wiederaufbau, wie im ›wieder wer sein‹. Still den Neuanfang verkaufen. Borcherts Bilder als Triumph des Menschlichen über das, was irgendwie Un- ist preisen. Fußballsommer 2008 als Wiederholung des Fußballwunders 2006. Wir sind wieder wer. Wiederholung als Mittel der Komödie. Wenn es doch nur so wie damals wär‘. – Unflätig, die Aneinanderreihung von Sätzen, so ganz zwanglos ohne Hintergedanken, von ganz alleine im Stricken der Fäden entstanden.

22. Juni 2008
Anderswo

Bilder in für das Web ungewöhnlich hoher Auflösung: The Big Picture von Alan Taylor.

Even some of my favorite photo sites are often limited to „Photo of the Day“ or „24 Hours in Pictures“ features. That’s interesting, and you can find some mind-blowing images there, but I always felt like it lacked context, depth, story. When there is more to the story, it’s often just a link to a news story, not more photos. (zum Interview)

So und so ist es verwunderlich, dass bislang niemand auf diese Idee kam.

10. April 2008
Fiktion

Ein Gerät ist verschwunden, benutzt nicht mehr seine Steckdose sondern eine andere. Eine Steckdose, die fast fünf Jahre lang nicht benutzt wurde, gerätelos geblieben war. Sie lebt noch. Das beruhigt. Aber morgens, wenn die verschlafenen Augen die Uhrzeit suchen, ist das Gerät verschwunden. Das macht Unruhe. Nur kurz zwar, aber immerhin. Dann dreht sich der Schlafende, oder vielmehr: nicht mehr Schlafende auf die andere Seite, nicht um nochmal zu schlafen, einfach nur, um die Uhrzeit sehen zu können, die jetzt auf der anderen Seite des Betts steht. Weil es noch zu früh ist und es tatsächlich ein oder mehrere Vögel waren, die ihn geweckt haben, dreht er sich auf die andere Seite. Diesmal, um nochmal zu schlafen. Wenn dann der wieder Erwachende mit verschlafenen Augen die Uhrzeit sucht, ist sie verschwunden. Das macht Unruhe. Und, ja, auch diesmal nur kurz, aber immerhin schon zum zweiten Mal. Also dreht sich der nicht mehr Schlafende auf die andere Seite, weil er sich jetzt auch daran erinnert, dass die Uhrzeit auf der anderen Seite steht. Und während er sich auf die andere Seite dreht und sich überlegt, ob er nicht doch noch ein bisschen schlafen sollte oder auch nur könnte, da platzt ihm die Sonne samt Vogelgeplauder ins Gesicht. Und so bleibt er nach halber Drehung auf dem Rücken liegen, guckt in den Himmel und ist wach und bleibt das auch. Einfach so, ohne auf die Uhrzeit zu blicken.

Vier, fünf, vielleicht auch sechs Minuten später dreht er sich wieder auf die Seite, will dort nach der Uhrzeit sehen. Und lacht diesmal. Nicht laut. Aber ein Lachen ist es trotzdem. Und denkt: Alltag ändert sich, wenn er das im Kleinen tut.

16. Januar 2008
Fundstücke

Vereinfacht könnte man sagen, der Humanismus will das ideologische System ändern, ohne die Institution anzurühren; der Reformismus will die Institutionen ändern, ohne das ideologische System anzurühren. Revolutionäre Aktion bedeutet dagegen gleichzeitige Erschütterung des Bewusstseins und der Institution; und dazu muss sie die Machtverhältnisse angreifen, deren Werkzeug, Waffe und Panzer sie sind.

~ sagte er. Und ich frage mich in welchen Giftschränken er eigentlich schon steht?

Michel Foucault in: Jenseits von Gut und Böse. Dits et Ecrits II, Nr. 98, S. 283.

15. Januar 2008
Alltag

Perspektivwechsel: Verbitterung

Nun ist es mit der Verbitterung so eine Sache. Für einen Menschen, der noch nicht einmal das dreißigste Lebensjahr berührt hat, ist es enttäuschend und vielmehr noch traurig, einen alten Menschen zu sehen, den man mit dem Wort »verbittert« beschreibt. Wenn ein Mensch, so denkt sich der junge, wenn ein Mensch mit sechzig noch nicht gelernt hat, sich selbst nicht so ganz ernst zu nehmen, dann … Über sich selbst lächeln können, große Sätze zu sagen und im nächsten Augenblick mit einem Lächeln zurück zu rudern, weil man das eigene Pathos, das da gerade einen Satz hat groß werden lassen nicht für voll nehmen kann, weil … ja warum eigentlich?

Wie ist das, wenn Philip Roth in seiner letzten Erzählung »Everyman« schreibt, dass das Alter nicht xy, sondern ein Massaker wäre? Spricht da eine Realität zu mir, die bitter ist, die nicht zu ertragen ist, die ich vor mir herschiebe, weil es doch jetzt noch nicht so weit ist, weil ich ja noch jung bin, zumindest im Vergleich zu den Alten, zu denen, die älter sind als ich? Ist es einfach so, wie allenthalben zu lesen ist, ist es so, dass wir, unsere so sehr auf die Jugend fixierte Gesellschaft den Tod einfach verdrängt? Oder spricht da nicht immer eine Leiden wollende Stimme, die sich der katholischen Demut hingibt und ernst wird, still wird, keine Worte mehr findet und vielleicht einfach betroffen ist, wenn es dann schließlich um das beschließende Thema des Lebens, den Tod geht?

Nein, sie verdrängt nicht. Die Gesellschaft vielleicht schon, aber das sollen andere erörtern; die Haltung der Bitterkeit, sie verdrängt nicht. Im Gegenteil: Sie ist aktiv, sie nimmt ganz männlich das Zepter in die Hand und setzt dem Menschen, der getroffen ist, dem Menschen, der selbst betroffen ist, vom Leid, von der nicht schönen Seite des Lebens, etwas entgegen, das nicht Ohr, sondern Gesprächspartner ist.

Was soll man dem alten Mann, der Frau und Freude am Leben verloren hat, entgegen, wenn statt erwarteter Altersmilde plötzlich ein Satz im Raum steht:

»Man kann viel darüber reden und vieles hoffen, aber eigentlich existiert der Mensch existieren wir alle, habe ich nur existiert, um mich irgendwie fortzupflanzen. Einen anderen Sinn hat das Leben ohnehin nicht.«

Was soll man ihm entgegnen, zumal dieser Mann – so nehmen wir es einmal an – keine Kinder hat. Was soll man ihm entgegen, außer, dass das wohl schon richtig ist und wir aber auch noch ein kleines bisschen, so ein ganz kleines bisschen Spaß im Leben haben dürfen, oder? Der Mann lächelt, vielleicht ist es eher ein Schmunzeln.

Verbitterung. »Der Mensch tut sich schwer mit dem was das Leben von im verlangt: Am … eine Made.«

Ist das Verbitterung? Ist dieser Satz Louis-Ferdinand Célines nicht geradezu eine Verhöhnung des Alters, eine Verhöhnung all der Menschen, die jetzt gerade alt sind? Und überhaupt: Was soll überhaupt diese Verbitterung? Wäre nicht ein bisschen Frohsinn angebracht, jetzt da es Mai ist, – und auch in den Hospizen?

»Der wütendste Roman«

29. September 2007
Bild

jahreswechsel auf dem weg nach el escorial

26. September 2007
Fundstücke

smells like autumn
smells like memory ~ singen dictaphone. Draußen regnet es.

5. Juni 2007
Anderswo

Vor einem Jahr saß ich als einzelner, einsamer Mensch in der Pressevorführung des Films Tarnation. Mir hat der Film ausgesprochen gut gefallen, und weil über Filme, die nicht ins Kino kommen, keiner spricht, habe ich damals hier auf hinterwelt.net eine Kritik geschrieben.

Fan von Fernsehtipps bin ich ja eigentlich nicht, bei Tarnation möchte ich aber eine Ausnahme machen: Heute Abend, also am Dienstag, den 5.6.2007 um 22.25 Uhr kommt Tarnation auf 3sat.

24. Mai 2007
Angedacht

Letztens wurde ich gebeten einen Beitrag für eine Radiosendung zu dem Thema „Garten“ zu machen. Es mag viel über Gärten zu erzählen geben, es mag viele Experten und irgendwie anders geeignete O-Tongeber geben. Wenn man aber weder in einer radiophonen Ausführung von „Schöner Garten“ landen möchte, noch aufgeschwurbelt feuilletonistisch festlegen möchte, welche Bedeutung der Garten hat, dann bleibt nicht mehr viel übrig, dachte ich mir; — und dass ich zum Garten eigentlich nichts zu sagen habe. Heraus kam dieser Beitrag zum Garten. — Ausstellungsstück #2.

[audio:http://hinterwelt.net/wp-content/uploads/2007/05/garten.mp3]

Direkter Download der *.mp3

22. Mai 2007
Alltag

Wie die Funktionsweise und letztlich auch der Erfolg der Medien, die Medien zum Schweigen zwingt, wenn sie nicht zum Instrument werden wollen.
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18. Mai 2007
Politik

Über: Nicolas Sarkozy. Ein Film als Versuch, Sarkozy und seine polarisierende Wirkung zu erklären.

Hinweis: Da der Film leider nur auf Französisch existiert, ist dieser Eintrag wahrscheinlich nur für diejenigen interessant, die Französisch verstehen.

Vor kurzem staunte man über die Wahlbeteiligung bei den Präsidentschaftswahlen in Frankreich. 84% Wahlbeteiligung ist ein Wert, von dem Demokraten diesseits des Rheins träumen. Der Preis für diese hohe Wahlbeteiligung ist ein polarisiertes, vielleicht gar gespaltenes Land und derjenige der für die Polarisierung sorgt(e) ist eben dieser Sarkozy. Eineinhalb Jahre ist es her, dass man den Kopf über die „Unruhen“ in den Vororten Frankreichs schüttelte. Man kann auch heute noch ganz trefflich darüber streiten, welche Rolle Nicolas Sarkozy dabei spielte, wie weit er Auslöser war? — und ob er Nutznießer war?
Frankreich, fremdes Urlaubsland
titelte ich vor eineinhalb Jahren:

Am Ende wird die französische Gesellschaft noch polarisierter sein, als sie es in den letzten Jahren (nicht unentscheidend durch Sarkozy) ohnehin schon ist. Er weiß die Mehrheit auf seiner Seite. Und je polarisierter die Gesellschaft ist, umso fester steht die Mehrheit bei ihm. Kurz: Natürlich wird Sarkozy nicht zurück treten, stattdessen wird er wenn alles vorbei ist noch zuversichtlicher zur Präsidentenwahl antreten.

Frankreich, fremdes Urlaubsland. Und wahrscheinlich wird diese Fremdheit in den nächsten Jahren nicht abnehmen. Hier, in Deutschland freut man sich über den Aufschwung und wenn überhaupt irgendwelche Gemüter erhitzt werden, dann wegen Christian Klar.
Frankreich dagegen ist polarisiert wie lange nicht mehr weiter »

Jürgen Habermas meldet sich in der Süddeutschen zu Wort und beklagt die gegenwärtige und vor allem zu erwartende zukünftige Qualität der freien Presse.

Freie Presse

Marius Meller vom Tagesspiegel schätzt Habermas, befürchtet aber, dass in seiner Philosophie und wohl vor allem seinem Artikel für die Süddeutsche »ein totalitärer Kern schlummert.«

Soweit habe ich das bei den Bissigen Liberalen gefunden und dort wird auch diskutiert, von welchen Seiten »die freie, qualitativ hochwertige Presse« bedroht ist.

Nun bin ich aber ein Freund von Perspektivwechseln. Und ich denke in diesem Fall macht es Sinn, das von Habermas ja wirklich nicht zuerst diagnostizierte Problem nicht aus der Sicht »von oben«, der Sicht, die die ganze Medienlandschaft auf einmal überblicken möchte, zu betrachten, sondern mal kurz zu der kleinsten Größe im Geschäft der Presse, der Nachricht und ihrer Entstehung zu wechseln.

Das von Habermas aufgegriffene Problem, vielleicht auch Phänomen (?) des Qualitätverfalls, beruft sich auf einige Allgemeinplätze, die zu einem naheliegenden Schluss führen:
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17. Mai 2007
Bild

Ausstellungsstueck Nr. 1 - Tisch

Abgeschnittene Köpfe von (Groß)Wild sind schon gewöhnungsbedürftig; die Köpfe behalten aber immerhin noch eine gewisse Würde, wenn sie hoch oben an der Wand thronen. Abgeschnittene Gliedmaßen als Tischbeine missbraucht sind nicht nur dieser letzten Würde beraubt, sondern erregen bei mir auch Ekel. Gefunden auf dem Theresienwiesenflohmarkt in München.

16. Mai 2007
Angedacht

Es ist natürlich schön zu sehen, wie man in Deutschland das Glück eines Aufschwungs zelebriert, der anscheinend nicht nur die Wirtschaft sondern auch die Gemüter betrifft. Aber der Blick nach draußen, in die Welt, zeichnet ein anderes Bild.

Dass es nicht mehr ausreichend ist, Außenpolitik nach einem schwankenden Gleichgewicht zweier um die Vorherrschaft buhlender Pole zu beurteilen, daran hat man sich über die Jahre gewöhnt. Man hat sich daran gewöhnt, dass seit dem Zusammenbruch des Ostblocks die Welt der Außenpolitik und zwischenstaatlichen Beziehungen komplizierter, weniger über- und durchschaubarer geworden ist.

Jemand, der noch ein Kind war, als der Ostblock zusammengebrochen ist, hat den Vorteil nichts anderes zu kennen, als dieses komplizierte Geflecht. Und doch frage ich mich dieser Tage, wie viele Krisen, Konflikte und Kriege das Gleichgewicht des gegenwärtigen Status Quo der internationalen Beziehungen eigentlich verkraftet, wenn ich den Blick über die Nachrichtenwelt wandern lasse:

Im Irak ist die Lage indes so hoffnungslos, dass sich die USA und der Iran inzwischen gezwungen sehen, miteinander zu sprechen. Ob dabei wirklich ein gemeinsames Irak-Protektorat entsteht, ist zwar nicht gewiss, aber alleine die Tatsache, dass es zu solchen Gesprächen kommt, wäre noch vor einem Jahr undenkbar gewesen. Ansich mag dieses Gespräch ja ein positives Zeichen sein, wenn aber gleichzeitig im Iran das Atomprogramm kontinuierlich Fortschritte macht und noch während über den Irak gesprochen werden soll gleichzeitig das Szenario eines Militärschlags im Raum steht, dann drängt sich der Verdacht auf, dass es sich bei der Gesprächsinitiative nur um den Mut der Verzweiflung handeln kann.

Von Frieden in Nahost spricht zur Zeit ohnehin keiner, wenn nicht nur noch Raketen auf Israel fliegen, sondern sich die Palästinenser in Gaza auch noch gegenseitig bekriegen und der Jordanische König Abdullah Olmert ermahnt.

Der Tornado-Einsatz der Bundeswehr und der Krieg im Süden Afghanistans sind zwar fast aus den Schlagzeilen verschwunden, aber eine Besserung der Lage ist auch dort nicht in Sicht.

In Pakistan gab es erst gestern wieder 24 Tote bei einem Selbstmordanschlag und auch die politische Stabilität scheint gefährdet.

Und auch im vergessenen Kontinent Afrika summieren sich die Konflikte nur weiter auf — ohne Lösung in Sicht. Im Kongo scheint der schlummernde Bürgerkrieg durch die Wahlen im vergangenen Jahren keineswegs beendet, von Darfur redet inzwischen wirklich niemand mehr und auch an der Elfenbeinküste hat sich nichts Wesentliches geändert.

Zu allem Überfluss kriselt es auch noch zwischen der EU und den USA auf der einen und Russland auf der anderen Seite.

Wahrscheinlich ist Außenpolitik schon während der ganzen letzten Jahre ein Tanz auf einem Vulkan. Aber kann es sein, dass dieser Vulkan zur Zeit ganz schön heiß ist?

10. April 2007
Angedacht

Es liegt schon ein fast zwei Monate zurück, dass Bundespräsident Horst Köhler in Kronach (Oberfranken) unterwegs war. Wahrscheinlich liegt es an der Natur der Sache Natur der Medien, dass die Worte des Bundespräsidenten nur dann auf die Waagschale gelegt werden, wenn er sich auf großen Bühnen und Kontinenten bewegt. Dabei lehrt doch eine Wendung, dass die richtige Politik auf kommunaler Ebene gemacht werde. Und eine andere Wendung lehrt, dass der wahre Journalismus im Lokaljournalismus zu finden und auch zu erlernen sei. Hin zum Lokalen, so lautet das Diktum. Es sollte sich also lohnen die Worte zu hören, die das Staatsoberhaupt für die Bürger einer Gemeinde hat, die bekanntlich mit der Abwanderung der Jugend und Arbeitslosigkeit zu kämpfen hat. Fast einfühlsam klingt Köhler, als er in der Gemeinde Kronach spricht:

[audio:http://hinterwelt.net/wp-content/uploads/2007/04/koehler_kronach.mp3]

Es mag nur eine Feinheit sein … aber der Feinheit wegen legt man Worte auf die Waagschale:

Der Satz: „Seien sie optimistisch“ ist ein Satz, der dem Pessimismus entspringt, und Köhler hat ihn vielleicht gerade deswegen vermieden. Er hätte sagen können: „Seinen sie nicht pessimistisch.“ Das wäre ein Satz gewesen, bei dem man sich fragen könnte, weshalb es das überhaupt sagt … aber nein, Köhler sagt wirklich:

[audio:http://hinterwelt.net/wp-content/uploads/2007/04/koehler_kronach_kurz.mp3]

Es ist schön, den einfühlsamen Ton in Köhlers Stimme zu hören. Deshalb erscheinen mir seine Worte auf den ersten Blick als politische Seelsorge. Aber: Ist es Ironie, wenn der Bundespräsident, der von sich Reden macht(e), weil er die Deutschen für ihr Klagen, ihren Pessimismus geißelte, hier ausgerechnet zu einem Pessimismus, der aber nicht übermäßig sein soll, auffordert? Ist es Zynismus, wenn er das ausgerechnet vor den Bürgern einer Gemeinde tut, die nicht zu den Gewinnern der wirtschaftlichen Entwicklung der letzten Jahre gehört?

18. März 2007
Angedacht

Es ist ein alter Hut, über die Skandalgeilheit der Medien zu lamentieren. Zu abgebrüht ist der Medienkonsument. Und während dem Bildleser die Skepsis über Jahre zur Natur geworden ist, weil er sich daran gewöhnt hat, nicht alles zu glauben, was dort steht, und der Griff in den Zeitungsständer schon längst neugierig und ungläubig zugleich geworden ist, — »Ui, wirklich, haben wir wirklich nur noch 13 Jahre?« — stehen auf der anderen Seite die Leser der Abonnentenzeitung und braven Konsumenten des Gebührenfernsehens mit schon gebildeter Meinung, denen ich (pauschal) ein weniger kritisches Verhältnis zu dem was sie da lesen, sehen oder hören, unterstelle. Und ich ertappe mich selbst dabei: Im Gegensatz zur Bild begreife ich die »seriösen« Medien nicht als Unterhaltung sondern als Information. Wenn ich über einen Krieg lese, glaube ich zu recht, dass er wirklich stattfindet, dass dort wirklich eine Bombe explodiert ist, dass sich die Außenminister wirklich getroffen haben. Kurz: Ich nehme die Welt über Medien wahr und bilde mir so über die Medien vermittelt ein Weltbild.

Wie oft passiert es aber, dass die »seriösen Medien« Wahrheiten verbreiten, die eben nicht wahr, vielleicht sogar erfunden sind. Erst vor drei Wochen lieferte Panorama Falschinformation vom Feinsten zu den »Killerspielen«. Letzte Woche trinkt sich ein Jugendlicher ins Koma und alle, wirklich alle springen auf den Zug auf: Die Jugendlichen trinken sich zu Tode, Flat-Rate-Trinken, der neue Trend und so weiter undsoweiter usw.

Während die einen über den Sinn oder Unsinn von Gesetzesänderungen diskutieren, sagt der Gesundheitsexperte Wolfgang Settertobulte im taz-Interview:

Nach den neuesten Daten hat der Alkoholkonsum unter Jugendlichen drastisch abgenommen. Gerade das regelmäßige Trinken, etwa in der Kneipe, wird seltener. […] Auch das Rauschtrinken hat nachgelassen, wenngleich nicht ganz so stark wie das regelmäßige.

Ist der ganze Schlagzeilenhype um den Alkoholkonsum der Jugendlichen in Deutschland also bloß eine Ente? Keine Ahnung, kann ich nur sagen. Aber ganz unwahrscheinlich ist es nicht, denn der Schritt von der Agenturmeldung »Jugendlicher hat sich ins Koma gesoffen« hin zu »Ich mach ein/e/n Feature/Reportage/Beitrag zum krassen Alkoholkonsum der Minderjährigen« ist in den Redaktionen klein, wenn das Muster vom aktuellen »Aufhänger« zum allgemeinen Thema als Grundkonzept der journalistischen Themenfindung gepredigt wird.

Hin zum Allgemeinen. Schritt zurück. Es ist gleich, ob nun so oder so. Wenn Herr Settertobulte aber recht hat, wenn sein Bild die Welt ein bisschen besser repräsentiert, dann stellt sich einmal mehr die Frage, was von dem Bild zu halten ist, das die Medien, die seriösen, vermitteln, tagtäglich, rund um die Uhr. — Wenn man die Welt als Gegenstand annimmt, der von den Medien abgebildet werden soll, gleich einer Photographie, dann sollte man im gleichen Atemzug sagen, dass auch das Kino abbildet, indem es photographiert. Im Kino ist sich jeder bewusst, dass Bildretusche, Bildmontage und Inszenierung das verändern, was wir sehen, indem es verändert, wie wir es sehen.

Diese Analogie ist nicht unproblematisch, aber vielleicht deshalb denkenswert, weil wir beim Film wahrscheinlich kritischer sind, als bei den Tagesthemen. Und eigentlich sollte es anders herum sein, oder?

nachtrag
zu den Grenzen der Analogie: Wenn wir einen Film Michael Moores sehen ist das vielleicht anders, aber das ist dann nochmal eine andere Geschichte.

17. März 2007
Angedacht

Und nach den ruhigen letzten Wochen war da plötzlich wieder das Jucken in den Fingern. Ein Lesen, das um jeden Preis versucht gegen den Strich zu lesen, das den Text überwörtlich nimmt und die Assoziationsreihen im Kopf in Gang setzt. Jetzt beginnt das, was man als Geistesübung einer sophistischen Tradition begreifen kann und Korinthenkackerei nennt. Der Zwang, vielleicht die Not, in den Gedankengang des unbekannten Gegenübers hinein zu grätschen, ihm ins Wort zu fallen, im Nachhinein, unentwegt und mit dem Wunsch am Ende nicht das Wort im Mund, sondern den Gedanken im Kopf verdreht zu haben. Unsympathisch solche Züge, aber manchmal eben auch reizvoll, wenn sie denn plötzlich da ist, die Diskussionswut über einen Kommentar zum Klima und der Rezeption seines Wandels, in brandeins, von Wolf Lotter, gefunden über die Bissigen-Liberalen.

Es macht (fast) immer was her, sich in die Tradition der Aufklärung zu stellen. Und wenn Wolf Lotter beim Klimaproblem den »Verlust des Denkvermögens« diagnostiziert, scheint es sich bei der Diskussion des Klimawandels um eine Antiaufklärung zu handeln, da die Maxime der Aufklärung nun mal das »Selbstdenken« ((vgl. I. Kant: »Was heißt: sich im Denken Orientieren?« S. 60. In: »Was ist Aufklärung?«, Hamburg: Meiner 1999.)) ist. Es macht immer was her, sich in eine Tradition zu stellen, sich große Fahnen an den Mast zu hängen und dann mit stolzgeschwelltem Bug über die Meere zu kreuzen. Nur ebenso verständlich ist’s hoffentlich auch, wenn ein eben solch aufgetakeltes Schiff am Horizont im Krähennest die Alarmglocke läuten lässt. Ja, hier hat jemand gedacht, wollte und hat auch radikal gedacht, nur Radikalität schützt vor Irrungen noch lange nicht. Herr Wolf, so möchte ich behaupten hat sich verirrt, nicht politisch und auch nicht moralisch, sondern rein argumentativ. Und da er mit Kant anscheinend nicht ganz unbekannt, stört’s ihn wohl hoffentlich auch nicht, wenn ich hier ein bisschen weiter aushole und seinen Gedankengang sezieren möchte.

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16. März 2007
Angedacht

Es gibt Dinge, bei denen man sich ziemlich sicher ist, dass sie nicht in youtube und auch sonst bislang nirgends im Netz zu finden sind. Ein kleiner lokaler Radiosender schickt um kurz nach sechs Uhr morgens ein Wort zum Tag, eine tägliche Andacht in den Äther.

Welche Höhenflüge die deutsche Seelsorge erreichen kann, ich konnte es nicht glauben …

[audio:http://hinterwelt.net/wp-content/uploads/2007/derPFARRER.mp3]

… gerade, weil es so unspektakulär ist.

1. März 2007
Angedacht

… ganz einfach: Deshalb.

Besser als Zeitung. Besser als Radio. Besser als Fernsehen. Interaktivität, sagten sie und meinten Gesprächskultur. Manchmal gibt es sowas tatsächlich zu sehen, zu lesen, zu diskutieren.

Wer sich überzeugen will, folgt einfach dem Link dort oben, liest den Eintrag auf »Metalust & Subdiskurse« und verfolgt die Diskussion, die so ganz harmlos beginnt und plötzlich Leben entfaltet. Schön das. (Mit)Freude.

Hat irgendjemand gezählt, wie viele Artikel, Essays, Diskussionen, Interviews in den letzten Wochen und Monaten erschienen sind? Will das jemand zählen? Heute veröffentlichte Wolf Lepenies in der Welt einen Essay zur erneuten Standortbestimmung und Rechtfertigung der Geisteswissenschaften – in diesem Fall: an der Technischen Universität Berlin, wo die Abschaffung dieser Fächer aber bereits beschlossen ist ((In dem Papier Strukturelle Veränderungen in der Technischen Universität Berlin 1997/98 heißt es:
»Die Unabdingbarkeit geisteswissenschaftlicher […] Disziplinen für eine Technische Universität kann sich zum einen aus Synergieeffekten für die Entwicklung der Technikwissenschaften ergeben. […] Zum anderen kann sich diese Unabdingbarkeit aber auch herleiten aus der Bedeutung der Fächer für die Lehre […]«
Im Grunde sagt das bereits all‘ das, was Herr Lepenies in seinem Essay schreibt. Vielleicht wäre es ja sinnvoll gewesen, zu Fragen, was sich in den knapp zehn Jahren an der Welt und dem Weltbild so sehr geändert hat, dass man die Fächer heute nicht mehr braucht.)) … vielleicht sollte es ein Nachruf werden. Stattdessen bietet er uns nur einen weiteren Aufruf an die Geisteswissenschaften, sich selbst »neu zu disziplinieren.«

Es mag an meiner eigenen, vielleicht versch(r)obenen Sicht liegen, dass ich dachte, diese Disziplinierung erfolge gewissermaßen von alleine, — auch ohne Apologien, die in großen deutschen Zeitungen veröffentlicht werden.

Es mag auch an dieser versch(r)obenen Sicht liegen, dass ich im Bekanntenkreis auf die Frage nach dem »Nutzen« bisher immer sehr kurz geantwortet habe: weiter »

28. Februar 2007
Alltag

Manchmal treffen Ereignisse auf eine Weise zusammen, die man ironisch nennen könnte: Während der Bundesgerichtshof im Fall Cicero zu Gunsten der Pressefreiheit entschied, wird im Netz über einen Beitrag der Magazinsendung Panorama diskutiert, dessen journalistische Qualität nur mit miserabel zu bezeichnen ist.

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8. Februar 2007
Film

Auf der diesjährigen Berlinale gibt es ein Spezial zum koreanischen Film. Im Herbst brachte Martin Scorsese mit „The Departed“ ein remake des HongKong-Klassikers Infernal Affairs in die Kinos, Wong Kar-Wai arbeitet an seiner ersten großen Hollywood-Produktion … der asiatische Film ist allgegenwärtig.
Und er ist anders.

[audio:http://hinterwelt.net/wp-content/uploads/2007/oasiafilm.mp3]

Vielen Dank an dieser Stelle an Nina Lobinger von RapidEyeMovies für das Interview.

6. Februar 2007
Fiktion

Der Bahnsteig ist voll im Berufsverkehr. Nur ein Kreis in der Mitte des Bahnsteigs ist leer. Zehn Meter vielleicht, der Radius des Kreises, in dessen Mitte ein Mann sitzt, mit einem Bein und einer Prothese. Ein Alurohr, vielleicht vier Zentimeter im Durchmesser, stützt seinen Oberschenkel, wenn er steht. Jetzt sitzt er auf der Bank mit einer Weinflasche in der linken Hand. Rotwein mit Drehverschluss, um das Klischee zu erfüllen. Die Menschen halten Abstand – auch, um nicht antworten zu müssen, auf den Vortrag des Mannes mit der Prothese und der Weinflasche in der Hand. Locken hat er, blonde Locken auf hoher Stirn. Dreißig ist er, vielleicht auch vierzig.

»Kennen Sie den Fuchspanzer? Nein? Na gut, es kann nicht jeder bei der Bundeswehr gewesen sein. Und ich kann es auch niemandem verdenken, bei all‘ dem, was ich der Bundeswehr zu verdanken habe.«
Mit klaren Worten, deutlich, überdeutlich artikulierten Buchstaben redet er und hebt sein Bein, seinen Oberschenkel, an dem die Prothese hängt.

»Nicht jeder kann einen Bonker haben, nicht jeder sitzt unter drei Metern Stahlbeton in der Mitte Berlins. — Ja, ich kann doch auch nichts dafür, dass Deutschland keinen Flugzeugträger hat. — Aber Blausäure habe ich nicht und brauche ich nicht. Das hat sich geändert, bei der Bundeswehr. Ich will mich nicht umbringen.« — Und hebt sein Bein und trinkt aus der Flasche und nimmt sich eine Zigarette, die ihm von jemandem hingehalten wird. »Das ist goldig« sagt er zu dem Zigarettenspender.

»Sie waren nicht bei der Bundeswehr, sie haben verweigert, Zivildienst gemacht, ich weiß, da lernt man das mit den Zigaretten, zumindest wird man so erzogen. — Wenn ich der Führer wär‘, ich wär‘ keine Nazisau, aber so ’nen Bonker, so drei Meter Stahlbeton, das wäre was.« Und hebt das Alurohr, vier Zentimeter vielleicht im Durchmesser, das seinen linken Oberschenkel stützt, wenn er steht, doch er sitzt, mit der Flasche Rotwein in der linken Hand, und dem Schraubverschluss.

»Sie wollen mir nicht zuhören, aber sie müssen.« Er lacht, blickt zur Anzeigetafel »zwei Minuten noch, dann kommt die U-Bahn. Zwei Minuten, in denen ich Ihnen erklären könnte, warum Deutschland keinen Flugzeugträger hat, oder warum Stahlbeton so gut ist und warum der Führer eine Nazisau war oder was der Fuchspanzer ist und was ich der Bundeswehr zu verdanken habe.« Er hebt die Flasche, prostet in Richtung Gleis, blickt sich um und sieht die U-Bahn kommen.
»Sie ist zu früh, sie können einsteigen und müssen nicht mehr hören, warum …« Die U-Bahn steht, öffnet die Türen, die Leute bewegen sich und seine Stimme geht im allgemeinen Gemurmel und Rascheln unter. Die Türen schließen sich, die U-Bahn fährt los und der Bahnsteig ist leer — auch im Berufsverkehr. Nur ein Mann sitzt noch dort, mit einer Weinflasche, mit Drehverschluss.

Die Leute haben den Bahnsteig verlassen, müssen keinen Abstand wie im Theater mehr halten. Wie im Theater fühlt sich der Zuschauer auf der Bühne nicht wohl. Der Berufsverkehr gab ihm eine Bühne. Jetzt sitzt er für ein paar Minuten alleine, dann werden sie sich wieder sammeln, wieder Abstand halten, so tun, als ob sie ihn nicht hörten und dabei auf jede Silbe lauschen. Vielleicht gibt es wieder jemandem, der ihm eine Zigarette gibt und wenn der Pendelnde des Berufsverkehrs zu Hause ist, dann wird er sich vielleicht daran erinnert haben, an den Bonker, die drei Meter Stahlbeton und die Blausäure und kurz ins Netz gucken, einen kurzen Film sehen, an den Bahnsteig denken, vielleicht sich fragen: War es Kabarett? Nein, das wäre zynisch … wobei doch der Mann mit der Flasche, der war zynisch, auf seiner Bühne, am U-Bahnsteig.

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