Hinterwelt.net

22. November 2008
Fiktion

Es wird wieder Winter. Winter war es, als der Nachmittag im Café zu Bier am Abend wurde. Wie die Jahre zuvor gab der Abend dem Abschied mit meinem Versprechen die Hand, sich zu melden, bald. Bald wurde zu einem Jahr. Wie die Jahre zuvor. In die Jahre gekommen sind die Versprechen. In die Jahre kommen wir. Bis zu den Tagen, die wir dem Jubiläumsglauben verdanken. Bis zu den Tagen, die irgendwie groß sein müssen; die Bedeutung haben müssen, weil sie doch groß sind. Und so erzählt man seine Geschichte wie jeden Tag neu. Stets als Legitimation des eigenen Tuns und Lebens — nicht nur vor den anderen: auch sich selbst die Sicherheit zu geben, die Zeit sinnvoll zu verleben. Narration des Selbst als Technik der Selbstpositionierung, die den anderen und einem selbst Orientierung und wohl auch Bewertung ermöglicht. Die Rahmenerzählung steht indes schon geschrieben, bevor wir überhaupt in die Zeit kommen, unsere Geschichte am großen Tag zu erzählen. (Weil er doch groß ist, muss er eine besondere Bedeutung haben.) Die Legitimation der verlebten Zeit findet sich nur vor den Erwartungen der anderen, der allgemeinen Erwartung, was man in 10958 Tagen im Normfall so alles getan hat.

21. November 2008
Angedacht

Wie beginnt und was bringt das 21. Jahrhundert? Die Frage steht im Raum – nicht erst seit dem Zusammenbruch eines ganzen Zweiges der Finanzindustrie. Die Frage steht im Raum seit sich um 1990 das Blocksystem in einer Hegemonie der sog. westlich geprägten Welt auflöste. Die eigenen Interessen oder Menschenrechte oder auch einfach nur der Weltfrieden wird durchgesetzt, wenn es gerade opportun erscheint. Über die Fragwürdigkeit militärischer Interventionen schrieb letzte Woche Helmut Schmid in überraschender Deutlichkeit.

Welchen Zynismus sich das weltpolitische Denken Europas bereits zu eigen gemacht hat, wird anhand der Schiffsentführungen deutlich. Menschen in einem Land, das seit Jahren in Bürgerkrieg versunken und vergessen ist, das nach den Empfehlungen des Auswärtigen Amtes einfach nicht zu bereisen ist, in das Kriegsberichterstatter keinen Fuß setzen, weil es dort noch nicht einmal eine Nachricht zu holen gibt. Was verdrängt wird, meldet sich erfahrungsgemäß wieder ___

Der Fall scheint klar, eine militärische Intervention geboten. Und doch ist ein Einschreiten nicht ohne Probleme möglich. Nicht weil in Europa plötzlich jemand Skrupel gegenüber militärischen Interventionen bekommen hätte. Wenn nicht das — zumindest ein Problem liegt anders:

under European human rights law, captured pirates cannot be turned over to states, including Somalia, where they might be tortured or face the death penalty. (economist)

Ist dieser Zynismus europäischer Weltpolitik noch zu überbieten?

Im Klinsch zwischen erhaben professioneller Filmkritik und dynamisch selbstsicherem Wildwuchs im Netz zeigt sich auf dem kleinen Feld der publik gemachten Auseinandersetzung mit Film der Konflikt, der die professionellen, die profitorientierten Medien im Griff hat, ohne dass diese es schon wirklich bemerkt hätten — zumindest ist das mein Eindruck.

Jedenfalls beschreibt auch Christoph Hochhäusler diesen Konflikt — und verweist gleich zu Beginn auf Natur und Problem des professionellen Journalismus.

Die Regel heißt Routine. Profis machen, was sie am besten können: Abschreiben. Zum Beispiel von der Agenturmeldung. Von Google. Von Walter Benjamin. Aus dem Kulturkalender. Neuer Lack drüber und fertig. Das geht ruck, zuck. Muss es auch.

Es entsteht der Eindruck oberflächlicher Information. Verknüpfungen, die nicht unbedingt falsch sind, aber geschickt von der Tatsache ablenken, dass der Autor nicht weiß, was er sagen möchte. Der Autor füllt nur noch einen vorher festgelegten Platz mit Worten aus. Zeilengeld. Ein Beitrag zum Grundrauschen. Geschäftsmäßig.

Nicht, dass ich mich nicht selbst ertappt fühlte, von den “Verknüpfungen, die […] geschickt von der Tatsache ablenken, dass der Autor nicht weiß, was es sagen möchte.” Der Unterschied liegt jedoch darin, dass hier Worte stehen, die da nur stehen, weil sie eben geschrieben worden sind — ohne Anspruch auf Leser, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und auch ohne Anspruch auf Professionalität.

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