Hinterwelt.net

6. Februar 2007
Fiktion

Der Bahnsteig ist voll im Berufsverkehr. Nur ein Kreis in der Mitte des Bahnsteigs ist leer. Zehn Meter vielleicht, der Radius des Kreises, in dessen Mitte ein Mann sitzt, mit einem Bein und einer Prothese. Ein Alurohr, vielleicht vier Zentimeter im Durchmesser, stützt seinen Oberschenkel, wenn er steht. Jetzt sitzt er auf der Bank mit einer Weinflasche in der linken Hand. Rotwein mit Drehverschluss, um das Klischee zu erfüllen. Die Menschen halten Abstand – auch, um nicht antworten zu müssen, auf den Vortrag des Mannes mit der Prothese und der Weinflasche in der Hand. Locken hat er, blonde Locken auf hoher Stirn. Dreißig ist er, vielleicht auch vierzig.

»Kennen Sie den Fuchspanzer? Nein? Na gut, es kann nicht jeder bei der Bundeswehr gewesen sein. Und ich kann es auch niemandem verdenken, bei all‘ dem, was ich der Bundeswehr zu verdanken habe.«
Mit klaren Worten, deutlich, überdeutlich artikulierten Buchstaben redet er und hebt sein Bein, seinen Oberschenkel, an dem die Prothese hängt.

»Nicht jeder kann einen Bonker haben, nicht jeder sitzt unter drei Metern Stahlbeton in der Mitte Berlins. — Ja, ich kann doch auch nichts dafür, dass Deutschland keinen Flugzeugträger hat. — Aber Blausäure habe ich nicht und brauche ich nicht. Das hat sich geändert, bei der Bundeswehr. Ich will mich nicht umbringen.« — Und hebt sein Bein und trinkt aus der Flasche und nimmt sich eine Zigarette, die ihm von jemandem hingehalten wird. »Das ist goldig« sagt er zu dem Zigarettenspender.

»Sie waren nicht bei der Bundeswehr, sie haben verweigert, Zivildienst gemacht, ich weiß, da lernt man das mit den Zigaretten, zumindest wird man so erzogen. — Wenn ich der Führer wär‘, ich wär‘ keine Nazisau, aber so ’nen Bonker, so drei Meter Stahlbeton, das wäre was.« Und hebt das Alurohr, vier Zentimeter vielleicht im Durchmesser, das seinen linken Oberschenkel stützt, wenn er steht, doch er sitzt, mit der Flasche Rotwein in der linken Hand, und dem Schraubverschluss.

»Sie wollen mir nicht zuhören, aber sie müssen.« Er lacht, blickt zur Anzeigetafel »zwei Minuten noch, dann kommt die U-Bahn. Zwei Minuten, in denen ich Ihnen erklären könnte, warum Deutschland keinen Flugzeugträger hat, oder warum Stahlbeton so gut ist und warum der Führer eine Nazisau war oder was der Fuchspanzer ist und was ich der Bundeswehr zu verdanken habe.« Er hebt die Flasche, prostet in Richtung Gleis, blickt sich um und sieht die U-Bahn kommen.
»Sie ist zu früh, sie können einsteigen und müssen nicht mehr hören, warum …« Die U-Bahn steht, öffnet die Türen, die Leute bewegen sich und seine Stimme geht im allgemeinen Gemurmel und Rascheln unter. Die Türen schließen sich, die U-Bahn fährt los und der Bahnsteig ist leer — auch im Berufsverkehr. Nur ein Mann sitzt noch dort, mit einer Weinflasche, mit Drehverschluss.

Die Leute haben den Bahnsteig verlassen, müssen keinen Abstand wie im Theater mehr halten. Wie im Theater fühlt sich der Zuschauer auf der Bühne nicht wohl. Der Berufsverkehr gab ihm eine Bühne. Jetzt sitzt er für ein paar Minuten alleine, dann werden sie sich wieder sammeln, wieder Abstand halten, so tun, als ob sie ihn nicht hörten und dabei auf jede Silbe lauschen. Vielleicht gibt es wieder jemandem, der ihm eine Zigarette gibt und wenn der Pendelnde des Berufsverkehrs zu Hause ist, dann wird er sich vielleicht daran erinnert haben, an den Bonker, die drei Meter Stahlbeton und die Blausäure und kurz ins Netz gucken, einen kurzen Film sehen, an den Bahnsteig denken, vielleicht sich fragen: War es Kabarett? Nein, das wäre zynisch … wobei doch der Mann mit der Flasche, der war zynisch, auf seiner Bühne, am U-Bahnsteig.

Das waren meine Sätze ... ich freu mich über Deine:

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