Hinterwelt.net

8. Januar 2007
Angedacht

Ja, die Goldene Regel. Wenn wir alle so und danach lebten, dann … vielleicht wäre dann ja wirklich alles besser. Und dabei ist sie doch schon so alt. Hin und wieder wurde sie ergänzt und was bleibt ist ein goldenes Mischmasch, das wir den Kindern im Religions- oder Ethikunterricht vermitteln – auf das sie alle gute Menschen werden. (Dabei sollte doch bekannt sein, dass die zehn Gebote ein ganz schlechtes Verhältnis zu Gold haben. Wie war das noch gleich, als Moses vom Berg kam, mit diesem Kalb, das ihn erzürnte und er gleich nochmal los musste, um die zweite Ausgabe der Steintafeln holen …)

Auch Ede Wolf Stoiber hat seine Lektion im Religionsunterricht gelernt und sagt gleich frohen Mutes, dass die Nächstenliebe sein wichtigstes Gebot der zehn sei. Es ist nur eine am Rande störende Feinheit, dass die Nächstenliebe gar nicht Teil der zehn Gebote ist, wenn der als Wolf verkannte sich endlich als Schaf zu erkennen gibt. Vielleicht ja auch, weil der in den eigenen Reihen zur Zeit so ungeliebte Ministerpräsident mit seinem Bekenntnis zur Nächstenliebe sich wohl auch ein bisschen Liebe seiner Nächsten für sich selbst erhofft.

Doch die Frevler schreiten noch viel weiter. …
… Wie des (Noch)Ministerpräsidentens Bekenntnis zur Nächstenliebe, ist noch mehr über christliche Halbwahrheiten im Psychologieblog zu lesen:

Sie [die zehn Gebote] lassen sich aus heutiger Perspektive vielmehr mit drei wenig schmeichelhaften Begriffen charakterisieren, nämlich als trivial, unzulässig vereinfachend sowie offen reaktionär.

… schreibt Michael Schmidt-Salomon. Katja führt aus:

Trivial seien sie, weil es sich um für jede funktionierende soziale Gruppe selbstverständliche Verhaltensweisen handele. Vereinfachend seien sie, weil sie zu blindem Folgen von Verhaltensrichtlinien aufrufen, die einer komplexen Welt nicht gerecht werden. Und reaktionär wirken sie, weil einige Gläubige sie auch heutzutage als verbindliches Regelwerk betrachten.

Ich frage mich, ob diese Charakterisierung über ihre (polemische) Deutlichkeit hinaus, vielleicht eine ist, die zu (fast) allen goldenen Regeln passt? Wie ist das, so ganz allgemein, mit Grundsätzen? Ist es denn nicht gerade die Aufgabe solcher Regeln einen komplexen Sachverhalt auf eine vermeintliche Essenz zu reduzieren, um so vermarktungsfähig zu sein? Und kann man deshalb vielleicht immer eine Spitze des Denkens in Gebote und Regeln stoßen, die diese Regeln am Ende immer Trivial oder unzulässig Vereinfachend oder Reaktionär oder gar alles drei Zusammen erscheinen lassen?
Nun ja, das waren so die Gedanken, bis ich gestern auf die »Goldenen Regeln« bei Steffino gestoßen bin, der sie dort gefunden hat. Ich konnte es mir nicht verkneifen, ein paar der acht genannten goldenen Regeln etwas ausführlicher zu kommentieren:

1. So ist das Leben: Die Klugen sind stets voller Zweifel und die Dummen sind sich stets so sicher.

… sagen die Klugen, weil sich als Klug der Nein-Sager empfindet. Vielleicht ist das ja wirklich so, nur macht es sich der Kluge da nicht ein bisschen zu einfach? Könnte man nicht auch sagen, dass die Frage nach dem Sinn den Sinn zerstört oder zumindest auflöst? Gerade so, wie das Kind seine Eltern irgendwann nervt, vielleicht aber auch zum Lachen bringt, wenn es immer weiter fragt: Warum? Naja, weil es eben so ist, sagt man irgendwann und ist sich doch sicher, so ganz ohne Zweifel und damit vielleicht ein bisschen dumm, ganz sicher aber eben auch einmal ein Ja-Sager. Und was gibt es schöneres, als einmal mit Gewissheit »Ja« sagen zu können? Vielleicht sollte man die Kausalkette umdrehen, dann macht der ganze Satz nicht unbedingt mehr Sinn, aber er ergibt auch so einen Sinn.

Der Zweifel macht das Denken, und die Gewissheit ist dem Denken wohlverdiente Pause.

3. Es gibt die “Guten” und die “Bösen”, wer die “Bösen” sind bestimmen die “Guten”.

Stimmt schon so. Aber auch da gibt es noch eine kleine Verfeinerung: Es ist doch nicht nur so, dass die »Guten« bestimmen, wer die »Bösen« sind. Interessant wird’s erst, wenn man feststellt, dass dummerweise immer man selbst der »Gute« ist und damit immer die Anderen die »Bösen«. Tatsächlich geht das sogar noch einen Schritt weiter: Man erkennt dieses Muster immer nur, wenn man selbst nicht Teil der Gut-Böse-Opposition ist und gewissermaßen von außen auf diese Opposition blickt, denn die »Guten« sind sich nie bewusst, dass sie sich selbst zu den »Guten« machen. Das einzige, was sie merken, ist, dass die anderen die »Bösen« sind. (Wie ist das mit der EU und den USA?)

5. Gib einem Menschen Macht und du erkennst sein wahres Ich.

Wirklich? Könnte man nicht auch sagen: Die Macht verändert eine Persönlichkeit unabhängig von deren ursprünglicher Veranlagung? Ist es nicht sogar sinnvoll das anzunehmen, weil die Idee eines »wahren Ichs« äußerst fragwürdig ist. (Was sollte das sein, mein wahres Ich? Wurde das festgelegt, als ich auf die Welt kam? Oder schon zuvor? Oder hat das jemand im Himmel festgeschrieben?)

7. Niveau sieht von unten immer wie Arroganz aus.

… sagt ebenfalls der, der nach diesem Satz oben, auf hohem Niveau steht. Eigentlich ’ne schöne Art, um sich zu erklären, wieso man als arrogant empfunden wird. Blöd nur, dass eben jene Erklärung auch die Definition von Arroganz ist ,)

8. Es gibt immer jemanden, der besser ist als du.

Da fällt mir nur ein:
»Wer all seine Ziele erreicht hat, hat sie zu niedrig gesteckt.«

4 Kommentare

  1. in der tat, in der tat – auf den (emotionalen, psychologischen oder materiellen) eigennutz und zudem auf moralische werte ausgerichtete halbwahrheiten, nichts weiter sind solche goldenen regeln. da kann es um wahrheit überhaupt nicht gehen.

  2. Was vielleicht den großen Unterschied zwischen den 10 Geboten und den gefundenen Goldenen Regeln ausmacht:

    Die 10 Gebote stellen einfach Gebote auf, ohne überhaupt einen gedanklichen Zusammenhang herzustellen; die „Goldenen Regeln“ erklären (zumindest versuchen sie es) dagegen entweder einen Zusammenhang (-> Arroganz, Freunde, etc …) oder sie stellen sogar eine Gesetzmäßigkeit auf, anhand derer eine Vorhersage möglich wird (-> Gib jmd. Macht …).

    Deswegen ist es auch so gut möglich eine Spitze gegen Goldene Regeln zu setzen (ja, auch gegen die Goldene Regel), während man die 10 Gebote so hinnimmt, wie sie sind, oder eben nicht. (Es sei denn, man kritisiert sie auf einer anderen Ebene, wie das Schmidt-Salomon tut.)

  3. auch wenn ich dir nicht ganz zustimme doch ein toller text (:

  4. […] und fast zwangsläufig fällt der Gedanke wieder auf ein Sprüchlein, mit dem ich mich vor kurzem auseinandergesetzt habe: »So ist das Leben: Die Klugen sind stets voller Zweifel und die Dummen sind sich stets so […]

Das waren meine Sätze ... ich freu mich über Deine:

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