Hinterwelt.net

7. November 2005
Politik

»Frankreich, große Nation, wieso stehst Du in Flammen?« fragte der Leser des Feuilletons und suchte sofort nach Erklärungen. In der heutigen Ausgabe der Süddeutschen fand er einen haarsträubenden Kommentar ((Haarsträubend finde ich den Kommentar eigentlich nur deswegen, weil er die politische Realität in Frankreich vollkommen verfehlt. Sarkozy als „Chiracs Innenminister“ zu bezeichnen, den Chirac fallen lassen könnte, ist ungefähr so, als ob man Koch als Parteifreund Merkels bezeichnete, den diese einfach fallen lassen könnte …)) , der die Welt wieder ins Lot bringt. Wenn der gute Leser auch seine Ohren benutzen würde, hätte er heute morgen im Deutschlandfunk eine Reportage hören können, die dem Hass eine Stimme gab.

»Sag‘ mal, wie findest Du das, was in Frankreich abgeht?« fragte der Freund. Auch er suchte Erklärungen, doch er wusste auch, dass es keine gibt. Frankreich, das Land mit den meisten Touristen weltweit. Frankreich, Land der verspielten Balkongeländer, der Haute-Couture, der Baguettes und der Sonne im Süden, des Cidres und Calvados im Norden. Reims weckt das Bild einer gotischen Kathedrale und vielleicht des Champagners. Aber brennende Autos? – Schon aufgefallen, welche Hautfarbe die Menschen in diesem Bild von Frankreich haben? Und wo sind in diesem idealisierten Bild die Betonwüsten, die der Tourist nur zu Gesicht bekommt, während er auf dem Weg von der Autobahn in die Innenstädte ist?
Viele, die in Frankreich gewohnt haben, kamen zurück und erzählten von einem anderen Frankreich. Sie erzählten davon, dass die französische Sprache eine harte sei (und in keinster Weise „ein irgendwie schwul klingender Singsang“). Sie erzählten von Begegnungen mit der Angst auf der Straße, auch das.

Der Leser des Feuilletons sollte sich fragen, ob er in München am Odeonsplatz lebt. Er sollte sich fragen, ob er seine Notdurft in der Maximiliansstraße verrichtet – und er sollte sich auch fragen, wo er lebt, wo er spazieren geht, wenn er im Urlaub ist. Von welchen Straßen und Plätzen erzählt er mit Begeisterung, wenn er aus Paris und Rom, wenn er aus London und New York zurück gekommen ist.

Wie lange ist es her, dass la haine (dt. Hass) in den Kinos vor unserer Haustüre lief? Ein Film, fiktional, zweifelsohne. Aber la haine ist ein Film, der sich an der Realität eines Frankreichs orientiert, das nicht so recht mit dem Frankreich unserer Sommerurlaube zusammenpassen will. La Haine orientiert sich an einem französischen Alltag, der nun in den Schlagzeilen steht.

Der Hass entlädt sich und ’schafft‘ es damit in die Schlagzeilen. Während die Zeitungen erklären (d.h. vereinfachen und damit wieder begreifbar machen) sucht die Politik nach Lösungen. Hier in Deutschland freut sich der Zeitungsleser über die Lippenbekenntnisse der Politiker. In Frankreich gibt es Schuldzuweisungen hier, bloß symbolisch wirkende Worte dort und die Forderung nach hartem Durchgreifen jetzt sogar nicht nur bei Nicolas Sarkozy. Sarko (der neue – und in Europa erfolgreiche – Jörg Haider) kann (politisch) schmunzeln, denn ob er den Gewaltausbruch provoziert hat oder nicht ist eigentlich nicht mehr so wichtig, wo er denn schon passiert ist. Jetzt ist es (natürlich) Zeit, dass die Republik der Ungeheuerlichkeit brennender Autos ein Ende setzt, und zwar sofort. Vielleicht hilft auch bald die Armee, wer weiß, vielleicht gar die Fremdenlegion? Am Ende wird die französische Gesellschaft noch polarisierter sein, als sie es in den letzten Jahren (nicht umentscheidend durch Sarkozy) ohnehin schon ist. Er weiß die Mehrheit auf seiner Seite. Und je polarisierter die Gesellschaft ist, umso fester steht die Mehrheit bei ihm. Kurz: Natürlich wird Sarkozy nicht zurück treten, stattdessen wird er wenn alles vorbei ist noch zuversichtlicher zur Präsidentenwahl antreten. ((Die Logik Srakozys Innenpolitik erinnert mich an die amerikanische Außenpolitik: (i) Im Krieg stehen alle fest hinter Dir. (ii) Es steht keiner hinter Dir. (iii) Du musst Dir einen Krieg suchen. – Mit dem kleinen, aber feinen Unterschied, das Sarkozy nicht Außen-, sondern Innenpolitiker ist.))

Wenn wieder alles vorbei ist, wird es nicht lange dauern, bis sich das Bild des „schönen“ Frankreichs wieder in den Köpfen durchsetzt. Spätestens beim nächsten Sommerurlaub wird wieder alles beim alten sein. Nur, die Frage in welchem Zustand ein Staat ist, in dem es ernsthaft in Erwägung gezogen wird, dass Militär gegen einen Teil der Bürger ziehen zu lassen, hat dann wahrscheinlich keiner gestellt. Und auch die Frage, wie der Hass ganzer Gesellschaftsschichten eine solche Qualität erreichen kann, wird letztlich unbeantwortet bleiben. – Wahrscheinlich auch deswegen, weil Erklärungen ((Übermorgen ist André Glucksmann im Literaturhaus München. Er stellt sein letztes Buch (Hass) vor. Ich bin gespannt, wie weit er auf die sog. „aktuellen Geschehnisse“ in Frankreich eingeht – und wie weit er versucht zu erklären.)) notwendig immer zu spät kommen. Sie kommen dann, wenn alle wieder längst von einem Frankreich mit verspielten Balkongeländern, sündhaft teuren Preisen in den Cafés und einer süßen singenden Sprache erzählen.

Ein Kommentar

  1. Martin

    Der genannte Kommentar læsst mein Haupthaar in Frieden. Der alte Jaques (seit langem mal wieder mit Brille zu sehen) ist krank, er haut nicht mehr auf den Tisch, aber er kønnte.
    Scheisse, es brennt! Der Premierminister, le fusible (Sicherung), fliegt, wenn mal wieder alles unter Strom steht. Er ist der Joker, den der Praesident im Ærmel hat. Hagelt es Kritik, fliegt der „Premier“ als erster. Raffarin ist nach Frankreichs „Non“ durchgebrannt, woraufhin Villepin eingeschraubt wurde.
    Es wære fuer Jaques ein Leichtes, Villepin und seine Minister um Zureuckhaltung zu bitten, doch warum sollter er das tun? Selber hat er doch fuer die „fracture sociale“ auch keine Loesung gehabt.
    Der „Heisssporn“ Sarkozy spielt um die Gunst des Volkes und mit dem Feuer. Villepin hælt sich zurueck und wartet schon auf Sarkozys „faux pas“ auf dem Drahtseil.
    Beide machen mobil zur Endschlacht, den Præsidentschaftswahlen.
    Ja und der Alte? Wer? Na Chirac! Ach der, der ist krank. Mit die Augen? Nø, Herz.

Das waren meine Sätze ... ich freu mich über Deine:

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