Hinterwelt.net

7. Juni 2009
Angedacht

Affirmation der Parlamentsmehrheit ist
Affirmation der Reaktion ist
Ablehnung der Gegenwart.
Reaktion durch Papier und Stift.

8. Mai 2009
Fundstücke

Der Suchende war ruhig, auch beim Reden, der Interpret im Wortelosen der Gesichter oder Blicke. Da sucht der Suchende nach Zeichen.

Goetz / Rave

15. April 2009
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weiter gehen

14. April 2009
Angedacht

Sprachgewalt. Posaunenstoß. Maßstäbe wechseln. Krisis durchschreiten, für den Augenblick, in den sie fällt, den sie zertrümmert und schweigen macht. Selbst groß wird, für den Augenblick. Brachial kommt sie. Zerstäubt wird sie vertrieben, mit der zentrierenden Geduld des Weiter so, das sich eingeschlichen hat, Gewohnheit ist.

Der Wunsch, ein einziges mal Ja zu sagen, einmal Ja zu meinen, zu denken, tatsächlich zu fühlen, diese Sehnsucht nach Affirmation, nach Geborgenheit in der unbeugsamen Welt, hat den Alltag bestimmt und ist schließlich in Erfüllung gegangen. Freilich nur um den Preis stetiger Neuunterwerfung. Die Affirmation gibt es nur um den Preis des fortwährenden Kampfes mit sich selbst, seinen eigenen Gewohnheiten nicht nur im Tun — auch im Denken.

18. März 2009
Fiktion

Leeres Blatt Papier am Tag der Frühling beginnt und Abend endet. Freude am Richtigen in falschen Sätzen, sind der Tag, für sich ohne Wort.

8. Januar 2009
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Down Among a Million

1. Januar 2009
Fiktion

Vier fremde Schritte ins neue Jahr. Die Hoffnung in Sätzen, während die Teufel des alten vertrieben werden vom Baumarktgeschmack der leuchtenden Hamsterrülpser hoch oben im Himmel. Eine Rakete, ein Wunsch, so die Regel. Ein Böller, eine Sünde. Ein Sektkorken, eine Vergebung im anrauschenden Jahr, an dessen Zauber so recht niemand glaubt, als die fade Erinnerung an »Brot statt Böller« am vorderen Hirnlappen kratzt und ein »Amen« im Nachklang den Weg zur Erinnerung findet. Jährlich holt es mich wieder. Jährlich falle ich kurz aus meinem Muster, bin zwei Minuten abwesend wie Thomas im Ketamin-Loch. Mit dem nächsten Böller, der nächsten rauchenden Mülltonne bin ich wieder da und gehe meine vier fremden Schritte ins neue Jahr.

23. Dezember 2008
Fiktion

Der Kopf dreht sich, das Bett schwitzt, die Hoffnung in Sätzen, während das Fenster beschlägt. An Tagen, die Weihnacht die Hand reichen im fiebrigen Halbschlaf der Verbalisierung. Leerstelle. In weiß. Am Ende des Monats, der schneller lief, als der Kalender sagt. Am Ende des Monats reduziert sich Welt auf den Wohnraumwürfel des Schlafzimmers. Alltag auf den Wechsel durchschwitzter Bettwäsche reduziert dreht sich im Fiebertraum der Gedanke im Kreis. Der Rest ist Schlaf.

1. Dezember 2008
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Sommernacht

22. November 2008
Fiktion

Es wird wieder Winter. Winter war es, als der Nachmittag im Café zu Bier am Abend wurde. Wie die Jahre zuvor gab der Abend dem Abschied mit meinem Versprechen die Hand, sich zu melden, bald. Bald wurde zu einem Jahr. Wie die Jahre zuvor. In die Jahre gekommen sind die Versprechen. In die Jahre kommen wir. Bis zu den Tagen, die wir dem Jubiläumsglauben verdanken. Bis zu den Tagen, die irgendwie groß sein müssen; die Bedeutung haben müssen, weil sie doch groß sind. Und so erzählt man seine Geschichte wie jeden Tag neu. Stets als Legitimation des eigenen Tuns und Lebens — nicht nur vor den anderen: auch sich selbst die Sicherheit zu geben, die Zeit sinnvoll zu verleben. Narration des Selbst als Technik der Selbstpositionierung, die den anderen und einem selbst Orientierung und wohl auch Bewertung ermöglicht. Die Rahmenerzählung steht indes schon geschrieben, bevor wir überhaupt in die Zeit kommen, unsere Geschichte am großen Tag zu erzählen. (Weil er doch groß ist, muss er eine besondere Bedeutung haben.) Die Legitimation der verlebten Zeit findet sich nur vor den Erwartungen der anderen, der allgemeinen Erwartung, was man in 10958 Tagen im Normfall so alles getan hat.

21. November 2008
Angedacht

Wie beginnt und was bringt das 21. Jahrhundert? Die Frage steht im Raum – nicht erst seit dem Zusammenbruch eines ganzen Zweiges der Finanzindustrie. Die Frage steht im Raum seit sich um 1990 das Blocksystem in einer Hegemonie der sog. westlich geprägten Welt auflöste. Die eigenen Interessen oder Menschenrechte oder auch einfach nur der Weltfrieden wird durchgesetzt, wenn es gerade opportun erscheint. Über die Fragwürdigkeit militärischer Interventionen schrieb letzte Woche Helmut Schmid in überraschender Deutlichkeit.

Welchen Zynismus sich das weltpolitische Denken Europas bereits zu eigen gemacht hat, wird anhand der Schiffsentführungen deutlich. Menschen in einem Land, das seit Jahren in Bürgerkrieg versunken und vergessen ist, das nach den Empfehlungen des Auswärtigen Amtes einfach nicht zu bereisen ist, in das Kriegsberichterstatter keinen Fuß setzen, weil es dort noch nicht einmal eine Nachricht zu holen gibt. Was verdrängt wird, meldet sich erfahrungsgemäß wieder ___

Der Fall scheint klar, eine militärische Intervention geboten. Und doch ist ein Einschreiten nicht ohne Probleme möglich. Nicht weil in Europa plötzlich jemand Skrupel gegenüber militärischen Interventionen bekommen hätte. Wenn nicht das — zumindest ein Problem liegt anders:

under European human rights law, captured pirates cannot be turned over to states, including Somalia, where they might be tortured or face the death penalty. (economist)

Ist dieser Zynismus europäischer Weltpolitik noch zu überbieten?

Im Klinsch zwischen erhaben professioneller Filmkritik und dynamisch selbstsicherem Wildwuchs im Netz zeigt sich auf dem kleinen Feld der publik gemachten Auseinandersetzung mit Film der Konflikt, der die professionellen, die profitorientierten Medien im Griff hat, ohne dass diese es schon wirklich bemerkt hätten — zumindest ist das mein Eindruck.

Jedenfalls beschreibt auch Christoph Hochhäusler diesen Konflikt — und verweist gleich zu Beginn auf Natur und Problem des professionellen Journalismus.

Die Regel heißt Routine. Profis machen, was sie am besten können: Abschreiben. Zum Beispiel von der Agenturmeldung. Von Google. Von Walter Benjamin. Aus dem Kulturkalender. Neuer Lack drüber und fertig. Das geht ruck, zuck. Muss es auch.

Es entsteht der Eindruck oberflächlicher Information. Verknüpfungen, die nicht unbedingt falsch sind, aber geschickt von der Tatsache ablenken, dass der Autor nicht weiß, was er sagen möchte. Der Autor füllt nur noch einen vorher festgelegten Platz mit Worten aus. Zeilengeld. Ein Beitrag zum Grundrauschen. Geschäftsmäßig.

Nicht, dass ich mich nicht selbst ertappt fühlte, von den “Verknüpfungen, die […] geschickt von der Tatsache ablenken, dass der Autor nicht weiß, was es sagen möchte.” Der Unterschied liegt jedoch darin, dass hier Worte stehen, die da nur stehen, weil sie eben geschrieben worden sind — ohne Anspruch auf Leser, ohne Anspruch auf Vollständigkeit und auch ohne Anspruch auf Professionalität.

25. Oktober 2008
Fundstücke

… es scheint, als habe sich das deutsche Kino mit seiner Requisitenschieberei, seinen übereifrigen Rekonstrukteuren, die für jede Epoche das passende Schublädchen herausziehen, mit ebenjener historistischen Hure eingelassen, die immer nur das vermeintlich ewige Bild der Vergangenheit sucht. Es ist ein Bild, in dem die Geschichte auf immergleiche Schlüsselreize reduziert wird, auf dass die Vorstellung in ihren altbekannten Bahnen bleibe.

Katja Nicodemus über unsere kleine Traumfabrik

30. September 2008
Anderswo

Leather shorts, thigh-slapping dances and whip-cracking rituals – no I’m not talking perverse darkroom practises, I’m reporting from Munich Oktoberfest, the world’s biggest beer festival. And let me tell you there’s enough here to appeal even to non-devotees of wheat beer and dirndl chic.

You see, if you hail from an over-styled but slightly narcoleptic city like Zurich, and are ever so tired of fast fashion trends, Munich in general and Oktoberfest in particular makes you feel like you just landed in paradise lost: a cabinet of kitsch monstrosities, full of matronly charm, calorific treats and a dandyesque disdain for what the arbiters of cool consider hip right now.

… gefunden bei: Playlust

29. September 2008
Angedacht

Es wird geprügelt, gestochen, gehauen. Niederlagen groß und klein geredet. Eigene Sympathien entstehen, vergehen. Aber immerhin: Es wird diskutiert. Codes werden bedient, Signalwörter gesendet. Bissig, scharf, eloquent. – Wissend, besorgt oder siegesbewusst. Nicht immer fair, aber immer im Rahmen, immer verbal. Abgesehen vom Kochschen Schuh und der hin und wieder aufs Podium klatschenden Hand, ja Faust vielleicht, bleibt dieser Streit körperlos. Die Haltung, der Eindruck, die Körpersprache sind von Bedeutung – aber auch da ist es die Sprache des Körpers und nicht sein Potential zur Gewalt. Diskussionskultur im Fernsehen.

Bis zum Übergriff, den es dann doch und meist unbemerkt gibt. Übergriff auf das Gegenüber, nur von Mann zu Mann gepflegt. Und immer sind es die Männer einer Partei, die übergriffig werden. Übergriffigkeit als Parteikultur? Ob Strauß, Stoiber, Söder oder gestern Abend Wilfried Scharnagl. Sie alle haben den Griff mit der breiten Hand auf den Unterarm des Anderen als Teil der eigenen Diskussionskultur: Markenzeichen der CSU? Was sagt diese Geste, die den Rahmen der Geste verlässt und den Anderen angreift? Nicht mehr verbal, sondern haarscharf an der Grenze zum nicht tolerierten physischen Übergriff. Ist es der Vater, der seinen Sohn angreift? Paternalismus als Geste zum Ausdruck gebracht? Ist das Angreifen des Anderen, das Eindringen in seinen Raum, ist das Grapschen geschult oder vorparteiliches Charaktermerkmal?

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